Das neue Jahr startet mit starkem Wind hier im Norden, als wollte es das alte weg pusten, mit aller Kraft. Irgendwie gefällt mir diese Analogie besonders, nichts wünsche ich mir mehr als dass 2025 verschwindet und nie mehr wieder kommt. Zu sehr hat es versucht an mir zu kratzen und mich auszusaugen.
Wann beginnt also etwas Neues? Natürlich ist ein Jahreswechsel etwas artifizielles. Was soll sich schon ändern? Am Ende ist es ein Wechsel zwischen zwei Tagen, so wie an jedem anderen Tag auch. Und doch möchte man etwas größeres darin sehen, die Chance noch einmal neu anfangen zu können.
Der Jahreswechsel ist ein seltsames Phänomen. Wir feiern ihn, als wäre er ein magischer Schnitt, der uns von Altlasten befreit und uns neu beginnen lässt. Doch was ist er wirklich? Ein Kalenderdatum, eine soziale Konvention – oder doch mehr?
Die Zeit als Konstruktion Augustinus rang in seinen Bekenntnissen mit dem Wesen der Zeit: „Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Der Jahreswechsel ist eine menschliche Einteilung, eine Art künstlicher Kairos – jener griechische Begriff für den günstigen Moment, der nicht messbar ist, sondern sich erst im Rückblick als entscheidend erweist. Doch während der antike Kairos ein flüchtiger Augenblick war, in dem sich Schicksal wandeln konnte, ist der 1. Januar ein festgelegter Punkt. Er gibt uns den Anschein von Kontrolle über etwas, das uns eigentlich entgleitet.
Der Neuanfang als Narrativ Sartre hätte vielleicht gesagt, dass wir uns mit dem Jahreswechsel selbst täuschen – aber dass diese Täuschung notwendig ist. In Das Sein und das Nichts beschreibt er den Menschen als Wesen, das sich ständig neu erfinden muss, um der Absurdität der Existenz zu entkommen. Der Neuanfang ist also kein natürliches Phänomen, sondern ein Akt der Selbstbehauptung. Wir projizieren Bedeutung auf ein Datum, weil wir ohne solche Markierungen im Strom der Zeit ertrinken würden.
Doch Kierkegaard würde hinzufügen, dass dieser Neuanfang nur dann echt ist, wenn er mit einer existentiellen Entscheidung einhergeht. In Der Begriff Angst schreibt er, dass Freiheit nicht im bloßen Wechsel liegt, sondern in der bewussten Übernahme der eigenen Verantwortung. Ein Vorsatz, der nur bis Februar hält, ist kein Neuanfang – sondern ein Aufschub. Echte Veränderung beginnt nicht mit einem Datum, sondern mit einer Haltung.
Die Kunst des kleinen Abweichens Heidegger erinnerte uns in Sein und Zeit daran, dass wir meist im „Man“ leben – in der unreflektierten Routine des Alltags. Der Jahreswechsel könnte ein Moment sein, in dem wir uns aus diesem „Man“ lösen und fragen: Was will ich wirklich? Doch er warnt auch davor, in der Zukunft zu fliehen. Echte Freiheit liegt nicht im radikalen Bruch, sondern im „In-der-Welt-sein“ – im bewussten Gestalten des Jetzt.
Vielleicht ist der Jahreswechsel also weniger ein Neuanfang als eine Einladung zur Aufmerksamkeit. Wie Nietzsche es in Also sprach Zarathustra formuliert: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“ Nicht der Kalenderwechsel selbst schafft Veränderung, sondern die Bereitschaft, im Gewohnten das Unerprobte zu wagen.
Chance oder Placebo? Der Jahreswechsel ist weder Zauberei noch Betrug – er ist ein Ritual der Möglichkeit. Ob er wirkt, hängt davon ab, ob wir ihn als leere Geste behandeln oder als Anstoß nehmen, unser Leben nicht linear, sondern als Geflecht kleiner Entscheidungen zu begreifen. Wie Camus’ Sisyphos, der seinen Stein immer wieder hinaufrollt, wissen wir: Nicht der große Wurf zählt, sondern das bewusste Tun im Hier und Jetzt.
In diesem Sinne: Möge das neue Jahr nicht nur ein Datum sein, sondern eine Frage.
