Martin Suter

Ein Schriftsteller bei dem ich schön länger einmal reinlesen wollte. Jetzt habe ich gleich mal 2 hintereinander gelesen.

„Die Zeit, die Zeit“

★★★★★ (5/5 Sterne)

Inhalt und Autor:in

Martin Suter, 1948 in Zürich geboren, gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren, bekannt wurde er unter anderem mit „Small World“ und seiner Allmen-Reihe. In „Die Zeit, die Zeit“ (Diogenes Verlag, 2012) lässt er seinen sonst wiederkehrenden Detektiv Allmen einmal ruhen und erzählt stattdessen von zwei ungleichen Nachbarn: dem 42-jährigen Peter Taler, einem Sachbearbeiter in der Finanzabteilung eines Bauunternehmens, dessen Frau Laura vor der gemeinsamen Wohnungstür erschossen wurde, und dem über achtzigjährigen Albert Knupp, der seine Frau Martha zwanzig Jahre zuvor an Malaria verlor. Während Taler den Mörder seiner Frau aufspüren will, um Rache zu üben, ist Knupp überzeugt, dass Zeit nur eine Illusion ist – und plant, gemeinsam mit Taler einen bestimmten Tag im Oktober 1991 bis ins kleinste Detail originalgetreu wiederherzustellen, um Martha auf diese Weise ins Leben zurückzuholen.

Rezension

Was mich an diesem Roman besonders berührt hat, ist ein Detail, das man beim Lesen nicht sofort erkennt, das aber die ganze Konstruktion des Buches in einem anderen Licht erscheinen lässt: „Die Zeit, die Zeit“ trägt einen deutlich autobiografischen Kern. Suter verarbeitet darin die Trauer um den Tod seines eigenen, erst dreijährigen Sohnes im Jahr 2009. Wenn man das weiß, liest sich Knupps absurd anmutendes Projekt, die minutiöse Rekonstruktion eines vergangenen Tages, an dem die geliebte Person noch lebte, nicht mehr nur als originelle, leicht ins Fantastische kippende Krimi-Idee, sondern als literarische Übersetzung eines sehr persönlichen, sehr menschlichen Wunsches: die Zeit zurückzudrehen und einen unerträglichen Verlust ungeschehen zu machen.

Gerade diese doppelte Ebene macht für mich die Stärke des Buches aus. Suter, der seine Wurzeln in der Werbebranche hat und dafür bekannt ist, mit großer Präzision und Liebe zum Detail zu arbeiten, lässt seine beiden Trauernden nicht ins Kitschige abgleiten, sondern begegnet ihrer Verzweiflung mit einer fast klinischen Genauigkeit, die dem Thema eine unerwartete Tiefe verleiht. Kritische Stimmen bemängeln, dass die detailverliebte Rekonstruktionsphase gegen Ende etwas an Fahrt verliert und der Plot streckenweise überkonstruiert wirkt, dem würde ich nicht widersprechen. Doch angesichts der biografischen Dringlichkeit, die hinter der Geschichte steht, verzeihe ich Suter diese Längen gerne. Für mich ist „Die Zeit, die Zeit“ damit weit mehr als ein kunstvoll verrätselter Kriminalroman, es ist ein sehr persönliches Buch über Trauer, Verlust und den menschlichen Wunsch, das Unabänderliche doch noch abzuwenden.


„Wut und Liebe“

★★★★☆ (4/5 Sterne)

Inhalt

In seinem 2025 im Diogenes Verlag erschienenen Roman „Wut und Liebe“ erzählt er von Noah, einem Künstler Anfang dreißig, dessen Freundin Camilla ihn verlässt, weil ihr das gemeinsame Leben, finanziert allein durch ihr Gehalt als Buchhalterin, während Noahs künstlerischer Durchbruch ausbleibt, nicht mehr genügt. Verzweifelt ertrinkt Noah seinen Kummer in einer Bar, wo er die deutlich ältere Witwe Betty kennenlernt. Diese macht ihm ein zweifelhaftes Angebot: Eine hohe Geldsumme, wenn er im Gegenzug bereit ist, einen Mann zu töten, den sie für den Tod ihres Ehemanns verantwortlich macht. Mit dem Geld, so Bettys Kalkül, könnte Noah Camilla zurückgewinnen.

Rezension

Was „Wut und Liebe“ für mich so interessant macht, ist die Art, wie Suter zwei ungleiche Sehnsüchte gegeneinander laufen lässt und daraus eine moralische Zwickmühle entwickelt, die weit über eine simple Krimi-Idee hinausgeht. Noah und Betty verbindet zunächst nur der gemeinsame Kummer über eine verlorene Liebe, doch aus diesem Ausgangspunkt entsteht ein Geflecht aus Verführung, Berechnung und stiller Erpressung: Er will Geld, um Camilla zu beeindrucken, sie will Gerechtigkeit, bevor sie stirbt, zwei Ziele, die sich, wie der Roman zynisch vorführt, verhängnisvoll gut ergänzen. Suter stellt damit eine Frage, die ihn immer wieder beschäftigt: Wie weit gehen Menschen, wenn sie glauben, für die Liebe alles tun zu müssen? Dass Camilla ihn eigentlich liebt, aber nicht das Leben mit ihm, zeigt zudem, wie eng in diesem Roman Liebe und materielle Sicherheit miteinander verknüpft sind, eine Beobachtung, die durchaus gesellschaftliche Relevanz besitzt, gerade wenn es um Beziehungen zwischen künstlerischem Anspruch und ökonomischer Realität geht.

Stilistisch bleibt Suter dabei seiner Linie treu: pointiert, temporeich, mit vielen sinnlichen Details zu Essen und Trinken, die seine Figuren begleiten. Manche Kritiker bemängeln, dass diese Eleganz mitunter zulasten der psychologischen Tiefe geht und der Plot streckenweise zu glatt „gut geölt“ wirkt. Diesen Einwand kann ich nachvollziehen, doch gerade die Konsequenz, mit der Suter seine Figuren in ihre moralischen Kompromisse hineintreibt, macht „Wut und Liebe“ zu einer packenden, klug konstruierten Auseinandersetzung mit den Grenzen dessen, wozu Liebe und Verzweiflung fähig machen.

Flow im Ohr
Flow im Ohr

The burdens of being upright

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2 thoughts on “Martin Suter

  1. @rene ich mochte seine Allmen-Reihe. Etwas schnöselig, doch irgendwie auch gut. Kennst Du seine Gespräche mit Matze? Fand ich sehr amüsant, den beiden zuzuhören und dabei die Lektüren im Kopf zu haben. Höre gern mal rein:

    Wut und Liebe: https://hotelmatze.podigee.io/480-martin-suter
    Bestseller schreiben: https://hotelmatze.podigee.io/144-martin-suter

    1. Die Allmen Reihe wollte ich mir mal als nächstes anschauen.
      Hotel Matze? Oder welche Gespräche meinst du? Die kenne ich nicht. Habe in letzter Zeit überhaupt erst angefangen Interviews mit ihm zu schauen. Finde ihn erstaunlich witzig 🙂

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