Zeichen der Zeit

Die Dummheit hat aufgehört sich zu schämen, so könnte man meinen, wenn man sich anschaut was heute gesagt werden darf ohne dass es größeren Widerspruch gibt. Mein subjektiver Eindruck der graduellen Verschiebung im Spektrum des sagbaren in den letzten 10 Jahren lässt mich glauben, dass die Zeiten neue Dynamiken möglich machen, die früher nicht denkbar waren. Woher kommen nun aber diese Transitionen in den Zeitgeist? Ich bin weitestgehend in einem stabilen System aufgewachsen und sozialisiert worden. Natürlich gab es auch in diesen Jahrzehnten gab es Inkonsistenzen und Systemprobleme die Dinge in Frage gestellt haben, das Gesamtsystem hatte aber eine erstaunliche Resilienz. Wann sind wir also über einen Kipppunkt gegangen ohne es zu merken. War es die Vernetzung über das Internet, waren es die Multikrisen 9/11, DotCom, Ukraine, Corona, Trump, Iran-Krieg etc.? Ich möchte einen soziologischen Blick auf diese Entwicklung richten.

Vielleicht beginnt die Antwort dort, wo ich in meinen Überlegungen zu den „Rissen“ schon einmal ansetzte: Es sind selten die großen Ereignisse allein, die eine Gesellschaft kippen. Es sind die vielen kleinen Verschiebungen der Wahrnehmung, die sich zu einem neuen Klima verdichten, bevor irgendjemand den genauen Moment des Umschlagens benennen kann. Was sich in der individuellen Biografie als leiser Kurswechsel zeigt, wiederholt sich auf gesellschaftlicher Ebene als schleichende Neuvermessung dessen, was als normal gilt.

Die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann hat für diesen Mechanismus schon in den siebziger Jahren ein Instrument geliefert, das bis heute nichts von seiner Erklärungskraft verloren hat: die Theorie der Schweigespirale. Ihre These lautet, dass Menschen ihre Meinung nicht nach dem richten, was sie tatsächlich für wahr oder richtig halten, sondern danach, was sie als vorherrschendes Meinungsklima wahrnehmen. Wer sich in der Minderheit glaubt, schweigt aus Furcht vor Isolation, wer sich im Aufwind fühlt, spricht lauter. Das Tückische daran: Die tatsächliche Verteilung der privaten Überzeugungen bleibt dabei oft nahezu konstant. Was sich ändert, ist die Bereitschaft, sie zu äußern. Eine Gesellschaft kann also über Nacht anders klingen, ohne dass sich ihre Substanz verändert hätte, weil einige wenige lauter und viele andere leiser geworden sind.

Genau hier setzt eine zweite Erklärung an, die der Ökonom Timur Kuran mit dem Begriff der „preference falsification“ beschrieben hat. Menschen verbergen ihre wahren Präferenzen, wenn deren Äußerung sozial riskant erscheint. Das erklärt, warum politische Umbrüche, vom Zusammenbruch des Ostblocks bis zu jüngeren Beispielen, für Beobachter so überraschend kommen. Zusammen mit Cass Sunstein prägte Kuran zudem den Begriff der availability cascade: Eine zunächst marginale Äußerung gewinnt allein durch ihre Wiederholung und mediale Präsenz an Plausibilität, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Wenn genügend Menschen den Eindruck gewinnen, dass andere längst so denken wie sie selbst, sinkt die Hemmschwelle schlagartig. Was gestern noch unsagbar war, wird heute zur mutigen Wahrheit gegen die vermeintlich verlogene Mehrheit stilisiert.

Die Linguistin Ruth Wodak hat in ihren Studien zum rechtspopulistischen Diskurs beschrieben, wie diese Dynamik gezielt bewirtschaftet wird: durch kalkulierte Tabubrüche, gefolgt von Empörung, Dementi und einer Rhetorik der berechneten Ambivalenz. Jeder Skandal verschiebt die Grenze ein Stück weiter, und die Provokation von heute wird zur Normalität von morgen. Bezeichnend ist, dass Wodak diese Normalisierung nicht als Ausrutscher, sondern als Strategie beschreibt.

Warum aber gelingt es der zahlenmäßig oft überlegenen, gegen Rechtsextremismus eingestellten Mehrheit nicht, diese Dynamik einzuhegen? Vielleicht, weil moralische Entrüstung an der Oberfläche der Äußerung ansetzt, nicht an ihrer Ursache. Reckwitz’ Diagnose, über die ich im Zusammenhang mit dem Verlust schrieb, liefert hier einen Anhaltspunkt: Wenn Verlusterfahrungen, real oder antizipiert, zur dominanten Empfindung werden, suchen Menschen kompensatorische Erzählungen, mythische, nationalistische, autoritäre. Der moralische Einspruch der Mehrheit trifft dann nicht die eigentliche Motivation, sondern nur ihre Symptomatik, und wird selbst zum Beleg für die vermeintlich abgehobene Elite, gegen die man sich wehrt.

Vielleicht liegt ein Ansatzpunkt genau dort, wo die bisherige Analyse endet: nicht bei der Zurechtweisung der Symptome, sondern beim Ernstnehmen der zugrunde liegenden Verlustangst. Hartmut Rosa spricht von Resonanz als jener Erfahrung, in der wir uns von der Welt angesprochen und wirksam fühlen. Wo diese Erfahrung fehlt, wo Menschen sich als Objekte fremdbestimmter Prozesse erleben, wird die autoritäre Erzählung attraktiv, weil sie wenigstens Zugehörigkeit verspricht. Martin Buber hätte vielleicht gesagt, dass die Ich-Du-Begegnung, das wirkliche Gehörtwerden, genau das ist, was moralische Belehrung nicht leisten kann. Praktisch könnte das bedeuten, Räume zu schaffen, in denen Sorgen artikulierbar werden, bevor sie sich in Ressentiment verhärten, etwa durch deliberative Formate wie Bürgerräte, die Elinor Ostrom zufolge auch bei knappen gemeinsamen Gütern Vertrauen und Selbstwirksamkeit erzeugen können. Ob eine Gesellschaft aber lernt, Angst zu adressieren statt sie zu delegitimieren, bleibt eine offene Frage, an der sich zeigen wird, wie erwachsen ihr Freiheitsbegriff tatsächlich ist.

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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