BigTech Social Media

Der US-Ökonom Mancur Olson beschrieb das Problem bereits 1965 in seiner „Logik kollektiven Handelns“. Ein ähnliches Gedankenexperiment findet sich in der Spieltheorie unter dem Namen Gefangenendilemma. Man kann sich Social-Media-Nutzerinnen wie zwei Tatbeteiligte vorstellen, die nach einem gemeinsam begangenen Delikt getrennt voneinander verhört werden. Bleiben beide bei ihrem Schweigen, kommen sie mit einer milden Strafe davon. Legt hingegen nur einer ein Geständnis ab, geht er als Kronzeuge straffrei aus, während der andere die volle Härte des Urteils trägt. Da jeder fürchten muss, vom anderen ausgeliefert zu werden, entscheiden sich am Ende beide fürs Gestehen – obwohl gemeinsames Schweigen für beide die bessere Option gewesen wäre. Das Gedankenexperiment zeigt damit ein Muster, bei dem kollektives Handeln zwar für alle vorteilhaft wäre, gegenseitiges Misstrauen dies jedoch verhindert.

Was hat das jetzt mit der Nutzung von den großen Social Media Plattformen zu tun? Viel. Wir hätten gute Gründe uns als Gesellschaft von BigTech Social Media kollektiv zurück zu ziehen.

Die Liste der Kritikpunkte an Big-Tech-Social-Media ist lang und reicht von Algorithmen, die durch Personalisierung Filterblasen begünstigen und politische Polarisierung verstärken können, über die systematische Verbreitung von Desinformation bis hin zur Praxis des Überwachungskapitalismus, bei dem Nutzerdaten in großem Stil gesammelt, ausgewertet und monetarisiert werden. Hinzu kommen Belege für problematische Nutzungsmuster und psychische Belastungen vor allem bei Jugendlichen, ein auf maximale Verweildauer ausgelegtes Design, das nachweislich Milliarden an Arbeitszeit und Produktivität kostet, sowie eine jahrzehntelange Monopolisierungsstrategie einzelner Konzerne durch gezielte Übernahmen potenzieller Konkurrenten. Wenig beachtet wird zudem, dass die Sauberkeit dieser Plattformen oft auf dem Rücken outgesourcter Content-Moderator:innen im globalen Süden erkauft wird, die für wenige Dollar Stundenlohn täglich traumatisierende Inhalte sichten müssen, während klassischer Journalismus durch abwandernde Werbeeinnahmen strukturell geschwächt wird. 

Warum machen wir das also nicht?

Ein Teil der Antwort liegt genau in jener Struktur, die das Gefangenendilemma beschreibt: Wer als Einzelner die Plattform verlässt, verliert sofort seinen Zugang zum sozialen Netz, während alle anderen es weiterhin besitzen. Der ökonomische Netzwerkeffekt, den man mit dem sogenannten Metcalfeschen Gesetz beschreibt, wonach der Wert eines Netzwerks mit der Anzahl seiner Nutzer überproportional wächst, verwandelt sich hier in eine Falle: Jede Austrittsentscheidung ist so lange irrational, wie die anderen bleiben. Genau das ist der Grund, warum Olsons Pessimismus bezüglich kollektiven Handelns bei großen, anonymen Gruppen so treffend bleibt. Ohne Kommunikation, ohne verbindliche Regeln, ohne Vertrauen zerfällt das gemeinsame Interesse in tausend einzelne, rationale Fluchtreflexe.

Doch die Ökonomin Elinor Ostrom hat genau an diesem Punkt widersprochen, und ihr Einspruch lohnt einen zweiten Blick. In „Governing the Commons“ zeigte sie, dass weder Hardins „Tragik der Allmende“ noch Olsons Logik noch das Gefangenendilemma zwangsläufig zutreffen müssen, sofern Nutzergemeinschaften eigene Regeln, Kommunikationswege und Sanktionsmechanismen entwickeln können. Ostrom widerlegte damit nicht die Diagnose, sondern die vermeintliche Ausweglosigkeit: Kollektive Güter lassen sich selbst verwalten, wenn Institutionen entstehen, die Vertrauen stiften, statt es vorauszusetzen.

Ist das Fediverse ein solcher Versuch? Strukturell schon: Mastodon und andere Dienste, die auf dem offenen ActivityPub-Protokoll basieren, ersetzen die zentrale Plattform durch ein Netz unabhängig betriebener, aber miteinander kommunizierender Server. Niemand besitzt das Ganze, jede Instanz setzt eigene Regeln, und der Algorithmus, der auf maximale Verweildauer optimiert, entfällt schlicht, weil kein Werbemodell dahintersteht, das ihn nötig machen würde. Das ist, in Ostroms Sinne, tatsächlich ein Governance-Experiment jenseits von Staat und Konzern.

Doch die philosophische Frage reicht tiefer als die technische. Byung-Chul Han beschreibt in „Im Schwarm“ die digitale Menge als etwas, das sich gerade nicht zu einem handlungsfähigen Kollektiv verdichtet, sondern amorph, richtungslos bleibt: „Im Unterschied zur Masse zeigt der Schwarm keine Seele oder keinen Geist.“ Zersplittert sich das Fediverse in tausend kleine, freundliche, aber folgenlose Inseln, wiederholt es womöglich genau jene Singularisierung, die Reckwitz in der Spätmoderne beobachtet, nur unter freundlicheren Vorzeichen. Hannah Arendt wiederum bestand darauf, dass Öffentlichkeit nur dort entsteht, wo Menschen einander in ihrer Pluralität erscheinen und ein gemeinsamer Raum des Sichtbarwerdens existiert. Ein Netz aus tausend Instanzen mit je eigenen Regeln mag genau diese Erscheinung ermöglichen, aber es kann sie auch verhindern, wenn niemand mehr denselben Raum betritt.

Vielleicht ist der eigentliche Wert des Fediverse also nicht, dass es die große Öffentlichkeit ersetzt, sondern dass es zeigt: Andere Formen der Vergemeinschaftung sind technisch möglich und institutionell denkbar. Ob daraus je jene kritische Masse erwächst, die Ostroms Bedingungen erfüllt, bleibt offen. Bleibt die Frage, ob wir bereit sind, für eine geringere Reichweite eine größere Selbstbestimmung einzutauschen, oder ob genau diese Reibung, dieser Verzicht auf müheloses Erreichtwerden, der eigentliche Preis ist, den wir nicht zahlen wollen.

Flow im Ohr
Flow im Ohr

The burdens of being upright

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2 thoughts on “BigTech Social Media

  1. @rene Vielen Dank für diesen tollen Essay! Ich weise darauf hin, dass sich meines Erachtens nicht nur die Theorie kollektiven Handelns von M. Olson auf FOSS und das Fediverse anwenden lässt, sondern vor allem auch die von Elinor Ostrom diskutierten Mechanismen, um Commons und rivale Güter gemeinsam und nachhaltig mittels "Governance"-Strukturen zu unterhalten. Ich erörtere beide Ansätze ausführlich mit Blick auf die suboptimale Versorgnung mit FOSS unter https://plinubius.de/zur-ueberwindung-einer-suboptimalen-versorgung-mit-freier-open-source-software-am-beispiel-von-civicrm/

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