Wie ich die Liebe fand

Ich hätte ja auch sagen können, ich schließe den Laden jetzt, mache das nicht mehr mit. Es wäre nachvollziehbar gewesen aus einer Sinnkrise mit diesem Schluss gehen zu wollen. Vielleicht hätte man es verhindern können, aber Dinge gehen wohl, wenn man sie gehen lassen will und muss. So weit, so normal. Also zog ich einen Schlussstrich, wohlwissend dass es weh tun wird den Prozess zu durchschreiten. Professor Kruse hat gesagt, stabile Systeme bleiben nur so lang stabil, bis die Rahmenbedingungen sich ändern, dann braucht es einen neuen Ordnungszustand. Das war damals der Fall. Meine Erfahrungen waren komplex geworden und ohne Gegenkomplexität keine Überführung in eine neue Lösung. Klingt abstrakt und ist es auch. Die neue Ordnung jedenfalls, liess sich Zeit und schaufelte Sand ins Getriebe der Emotionen aller Beteiligter.

Im Nachhinein hätte es noch viel mehr Konsequenz und Klarheit in der Kommunikation gebraucht. Stattdessen gab es so viele krude Geschichten die eine positive Entwicklung unmöglich machten. Wie also einen Neuanfang finden in all dem Trubel? Alles beginnt immer mit der Idee sich neu verlieben zu können, es muss dafür nicht einmal ein neuer Mensch sein. Und gerade als ich die Idee aufgegeben hatte und die Frage alleine lösen wollte, trat sie in mein Leben.

Wir waren so verschieden und doch verband uns einiges. Beide kamen wir aus einer Langzeit-Ehe, die administrativen Dinge noch nicht ganz gelöst, beide hatten wir ungelöste Wohnsituationen, beide hatten wir einen sehr ähnlichen familiären Hintergrund. Wir haben uns einfach sehr gut verstanden, auch wenn unsere Lebensrealitäten dann doch sehr unterschiedlich waren, ich als Vater, sie als Studentin die nochmal ihr ganzes Leben umgekrempelt hatte nachdem schon alles klar zu sein schien.

Wie also zusammenfinden mit all den offenen Fragen. Logisch wäre, erstmal in sich selbst aufzuräumen um bereit für das Neue zu sein. Wir entschieden aber, uns gemeinsam auf den Weg zu machen. Keiner von uns Beiden war bereit, soviel steht fest, aber zumindest gewillt zu fühlen was es zu fühlen gibt. Und da war eine Menge.

Die ersten Monate waren ein Tanz zwischen Hoffnung und Rückzug. Es gab Tage, an denen alles leicht schien, als könnten wir die Vergangenheit einfach hinter uns lassen, wie einen alten Mantel, der nicht mehr passt. Und dann gab es wieder diese Momente, in denen die ungelösten Dinge der Vergangenheit wie Schatten zwischen uns standen. Doch gerade diese Spannung wurde über die Zeit zu etwas Produktivem. Wir lernten, dass Klarheit nicht bedeutet, alle Antworten zu haben, sondern ehrlich mit dem Gegenüber umgehen zu wollen.

Sie brachte eine Frische mit, die ich längst verloren hatte. Ich brachte vielleicht eine gewisse Gelassenheit mit, die ihr mit der Zeit half, das Ungewisse etwas besser aushalten zu können. So galt es nach und nach wieder Normalität herzustellen: Leben, Alltag, Wohnraum, administrative Fragen wie eine juristische Scheidung hinter sich zu bringen. So gab sie mir immer wieder die Kraft die Dinge weiter zu spinnen, nicht aufzugeben in all dem Durcheinander. Verlieben ist leicht wenn es klick macht zwischen zwei Menschen, das dringend notwendige Vertrauen wiederzufinden in einer neuen Beziehung umso schwieriger. Wir beide waren einfach zu sehr verletzt worden um die benötigten Räume im neuen Leben einfach so zu öffnen, das musste behutsam geschehen und konnte nicht forciert werden. Heute kann ich sagen, das Urvertrauen ist wieder da. Was immer passiert, ob wir uns mal nicht einig sind oder das Leben uns Steine in den Weg legt, sie ist meine Frau und ich ihr Mann, Bedingungslosigkeit in einer Welt aus vielen Abhängigkeiten und Bedingungen. Darin liegt so viel Kraft. Ich möchte, dass sich das nie wieder ändert.

Manchmal frage ich mich, was eigentlich das Fundament ist, auf dem so viel Vertrauen wachsen konnte, nachdem beide Seiten es schon einmal verloren hatten. Martin Buber hat einmal zwischen der Ich-Es-Beziehung unterschieden, in der wir den anderen als Mittel zum Zweck behandeln, und der Ich-Du-Beziehung, in der der andere Mensch in seiner ganzen Unverfügbarkeit begegnet, nicht benutzt, sondern angesprochen wird. Vielleicht war genau das der stille Kern unserer ersten Monate: dass wir uns, trotz aller offenen Fragen, nie als Lösung für das Problem des jeweils anderen behandelt haben, sondern als jemanden, der einfach da war, mit allem, was er mitbrachte.

Donald Winnicott sprach vom haltenden Raum, den ein Kind braucht, um sich sicher genug zu fühlen, die Welt zu erkunden. Ich glaube, Erwachsene brauchen diesen Raum genauso, nur dass wir ihn uns gegenseitig bauen müssen, Stein für Stein, aus Geduld und kleinen Beweisen der Verlässlichkeit. Kein großes Versprechen hätte gereicht. Es waren die vielen kleinen Momente, in denen keiner von uns beiden weglief, obwohl es leichter gewesen wäre.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus all dem. Liebe, die aus einem Bruch heraus neu entsteht, ist nicht die Fortsetzung der alten Geschichte mit anderen Vorzeichen, sondern etwas grundlegend Neues, das seine eigene Zeit braucht, um sich ein Recht auf Bestand zu erarbeiten. Ich weiß nicht, ob es das Urvertrauen jemals in Reinform gibt oder ob wir es immer wieder neu erfinden, jeden Tag ein bisschen, in der bloßen Tatsache, dass wir bleiben. Aber ich weiß, dass ich es nicht mehr allein tragen muss. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer Beziehung, die hält, und einer, die nur funktioniert.

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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