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Ein halbes Jahrhundert also. War gar nicht so klar, dass ich das erleben würde. Habe ja an dieser Stelle immer wieder drüber geschrieben. Was gibt es also zu sagen? Alles und Nichts. Mir ist nicht nach Resume ziehen und doch denke ich diese Tage viel über das Leben nach, schließlich drehe ich mich jetzt schon eine Weile auf diesem Erdklumpen im Raum. Verrückter Gedanke. Wir sind so in unserem Alltag und dem Leben allgemein, dass wir vergessen wie ungewöhnlich das alles ist, wie klein wir sind und bla bla….ihr wisst schon. Und trotzdem suchen wir ständig nach Bedeutung, die einen mehr, die anderen weniger.

Vielleicht ist die Fünfzig vor allem eine Zahl, die andere für mich ausgesucht haben. Unser Zahlensystem verdankt sich zehn Fingern, nicht dem Leben. Der Körper kennt keine runden Geburtstage, die Zellen zählen nicht mit. Und doch tun diese Marken etwas mit uns: Sie schneiden eine Kerbe in ein Kontinuum, das sonst einfach weitergelaufen wäre, und zwingen für einen Moment zum Hinsehen.

Hans Blumenberg hat in „Lebenszeit und Weltzeit“ beschrieben, wie weit die Zeit, die einem Leben zur Verfügung steht, und jene Zeit, von der wir wissen, dass es sie gibt, auseinandergetreten sind. Seit wir die Geschichte der Erde in Jahrmilliarden rechnen, ist unsere eigene Spanne unvergleichbar klein geworden. Blumenberg sah darin keine Kränkung, die man wegatmen müsste, sondern eine Signatur der Neuzeit: Wir leben mit dem Wissen, dass wir nie einholen werden, was es einzuholen gäbe. Der verrückte Gedanke vom Erdklumpen im Raum ist also kein Ausrutscher der Stimmung. Er ist ziemlich genau die Lage.

Seneca schrieb in „De brevitate vitae“, wir hätten nicht zu wenig Zeit, wir vergeudeten nur zu viel davon. Als Mahnung an die Betriebsamen gedacht, klingt der Satz heute fast wie ein Ratgeber für Produktivität. Wer aber einmal erlebt hat, dass der eigene Körper ohne Ankündigung eine Frist setzen kann, liest ihn anders. Nicht als Aufforderung, mehr aus der Zeit herauszuholen, sondern als Hinweis darauf, dass die Frage nach der Länge die weniger interessante ist.

In den „Rissen“ habe ich davon geschrieben, dass es meistens die winzigen Abweichungen sind, die ein Leben drehen, nicht die Paukenschläge. Der Infarkt war das Gegenteil, ein sehr lauter Einschnitt. Und trotzdem ist es nicht das Dramatische, das geblieben ist. Geblieben ist etwas Stilleres: das Wissen, dass der Grund, auf dem man steht, nie ganz einem selbst gehört. Hartmut Rosa nennt das Unverfügbarkeit. Seine These ist, dass die Moderne ununterbrochen daran arbeitet, die Welt verfügbar zu machen, berechenbar, beherrschbar, und dass uns gerade dadurch entgeht, was uns wirklich berührt. Denn Resonanz entsteht nur mit etwas, das antworten kann, und antworten kann nur, was nicht in unserer Hand liegt. Das Herz ist da ein guter Lehrer. Es fragt nicht.

Es gibt noch eine zweite Verschiebung, die um die fünfzig herum beginnt. In meinem Beitrag über den Verlust ging es um Andreas Reckwitz und seine Diagnose, dass unsere Gesellschaft aus einer Logik der Erweiterung in eine Logik des Verlusts gerutscht ist. Biografisch passiert etwas Ähnliches, nur leiser. Die erste Lebenshälfte fühlt sich an wie ein Öffnen von Türen, die zweite beginnt damit, dass sich welche schließen, ohne dass jemand sie zugeschlagen hätte. Reckwitz‘ Vorschlag, den Verlust nicht als Betriebsunfall zu behandeln, sondern als Teil der Wirklichkeit, ist auch privat brauchbar. Er nimmt der Bilanz die Bitterkeit.

Und die Bedeutung, nach der wir suchen, die einen mehr, die anderen weniger? Hannah Arendt hat in „Vita activa“ darauf bestanden, dass das eigentliche Wunder nicht das Ende ist, sondern der Anfang: Jeder Mensch kommt als Neubeginn in die Welt, und die Fähigkeit, etwas anzufangen, erlischt nicht mit den Jahren. Mit fünfzig ist man in vielem kein Anfänger mehr, aber anfangen kann man weiterhin. Bedeutung wird dann weniger gefunden als gestiftet, in Beziehungen, in Sätzen, in dem, was man tut, ohne dass es sich rechnen muss.

Montaigne, der die Vergänglichkeit umkreiste wie kaum ein anderer, wünschte sich, der Tod möge ihn beim Kohlpflanzen antreffen, nicht in Erhabenheit, sondern mitten in einer Arbeit in seinem unfertigen Garten. Ich finde das tröstlich. Nicht weil es die Angst wegnähme, sondern weil es die Größe der Frage auf ein Maß bringt, in dem sich weiterleben lässt.

Ein halbes Jahrhundert also. Kein Resümee, eher eine Zwischenzeit. Vielleicht besteht das Erwachsenwerden mit fünfzig darin, aufzuhören, das Leben verstehen zu wollen, und anzufangen, ihm zu antworten. Was wäre, wenn die Bedeutung nie am Ende der Suche liegt, sondern in der Art, wie wir suchen?

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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