Herzinfarkt IV

Heute ist Freitag der 28. November. Es ist jetzt neun Tage her seitdem ich vier Bypässe an meine Herzkranzgefäße bekommen habe. Wie fühle ich mich? Ganz gut. Ist es einfach? Nein. Alles schmerzt irgendwie. Mir wurde der Brustkorb geöffnet, mir wurde das Herz angehalten und es wurden Venen aus Brustkorb und rechtem Bein genommen, um mich dort zu schützen wo meine eigentlichen Gefäße zu eng geworden sind.

Waidwund liege ich jetzt auf meinem Krankenhausbett. Im Durchschnitt verbleiben Bypass-Patienten sieben bis zehn Tage im Krankenhaus, bei mir werden es zwölf werden. Es gab im Nachgang der OP ein paar Werte die nicht sofort ok waren. Aber auch das hat man schnell hinbekommen. Am Montag dann Entlassung und am nächsten Tag sofort Beginn der Reha.

Wie geht es mir jetzt? Muss selber darüber nachdenken. Auf der einen Seite bin ich einfach nur erleichtert es hinter mir zu haben. Auf der anderen Seite ist der Weg zur Genesung ein steiniger, anstrengender. Es wird zwar jeden Tag ein kleines bisschen besser, aber jeder kleine Schritte will erkämpft werden. Mehrmals am Tag raffe ich mich auf, gehe die Runde über die Stationen auf dieser Etage, eigentlich geht es mittlerweile ganz gut, muss mir trotzdem immer wieder Mut fassen. Bis ich nicht mehr darüber nachdenke.

Was macht das jetzt mit mir? Das kann ich glaube ich noch gar nicht sagen. Am besten lebt es sich halt dann doch immer im Moment. Zu weit in der Zukunft oder in der Vergangenheit den Kopf zu haben, ist nie eine gute Idee. Das muss ich mir auch immer wieder vergegenwärtigen.


Zeitsprung. Bin jetzt schon eine ganze Woche auf Reha. Die ersten zwei Tage hier waren schwierig, ich war noch nicht bereit, schleppte mich von A nach B. Danach wird es langsam besser, jeder Tag ein kleiner Schritt, ein kleines bisschen mehr Kraft, mehr Bewegungseinheiten. Ich steige aufs Ergometer, nutze Sportgeräte für die Beine, gehe mit anderen Mitstreitern spazieren. Zwei Kilometer, eigentlich keine Strecke, für mich gerade eine Herausforderung. Einige wenige Einheiten gibt es zum Thema Atementspannung und therapeutische Unterstützung. Ich wünschte mir dedizierte Psycho-Kardiologische-Einheiten, aber das Thema ist nicht weit verbreitet hier im Norden, eigentlich nicht auffindbar. Denn das was wirklich Kraft kostet nach zwei Herzinfarkten und der Bypass-Op ist die Psyche. Der Kopf kommt mit der Verarbeitung nur schwierig hinterher. Zu sehr wurde der Teppich unter den Füßen weggezogen, als dass man einfach so weiter machen kann ohne Angst zu empfinden. Es ist ein langer Prozess, ich habe mich auf den Weg gemacht und bekomme Unterstützung, aber das sichere Ufer ist noch in weiter Ferne. Zum Glück gibt es tolle Menschen in meinem Umfeld die mir ganz wunderbar helfen durch diese schwierige Zeit zu kommen. Allen voran meine wunderbare Frau. Ohne dich wäre es noch so viel härter.

Jetzt habe ich noch zwei Wochen Reha vor mir. Die möchte ich natürlich nutzen, weiter kleine Schritte machen, wieder fitter werden und dann rein in den Alltag. Ich möchte nach Hause, eine neue Normalität finden und an andere Dinge denken, Dinge die sich nicht um das Herz drehen. Manchmal schaffe ich das schon, meistens ist es das alles bestimmende Thema. Es degradiert mich zum Patienten, am Leben nehme ich nicht Teil, ich bin gerade meine Krankheit und möchte wieder mehr als das sein. An alle die das schon geschafft haben, ihr seid die Größten und mein Respekt dafür ist endlos.

4 thoughts on “Herzinfarkt IV

  1. Lieber René,
    es freut mich zu lesen, dass du deine OP überstanden hast und du auf dem Weg der Genese bist, auch wenn es, wie du schreibst, ein langsamer und schwerer Weg ist.
    Ziemlich heftig deine Berichte. Erstmal natürlich die plötzlich aufgetretene Krankheit an sich und die heftigen Eingriffe, die dies zur Folge hatte, aber auch die psychischen Auswirkungen, die du ja sehr eindrücklich beschreibst. Das Urvertrauen in den eigenen Körper zu verlieren, Symptome nicht mehr von Angst unterscheiden zu können, das Wissen darum dass dies genetisch bedingt immer wieder auftreten kann und dauerhafter Behandlung bedarf und es bislang nur eine vage Hoffnung auf ein hoffentlich wirksames Medikament gibt, würde glaube ich jeden Menschen in einen permanenten Alarmmodus und Angst versetzen. Und es ist echt schlimm, dass es offenbar da keine ausreichende psychologische Unterstützung für dich gibt. Zum Glück hast du deine Frau, die für dich eine Bank ist und die für dich da ist. Und ich hoffe, deine Kids sind auch wieder an deiner Seite. Familie und (echte) Freunde sind die wichtigsten Menschen in diesen Zeiten.
    Ich drücke dir fest die Daumen, dass du physisch und mental möglichst bald wieder voll auf die Beine kommst und du wieder ein schönes und sorgenfreies Leben mit deinen Liebsten führen wirst. Alles Gute auch von Danni.
    Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann nochmal, wenn du wieder auf dem Damm bist.
    Alles Gute und liebe Grüße mein Freund

    1. Hi Nick,

      vielen Dank für deine Worte. Diese Reise verlangt mir dieses Jahr einiges ab. Ich bin jetzt auf Reha und mache jeden Tag Fortschritte. Es fühlt sich gerade trotz allem ganz gut an. Es sind mehr als vage Hoffnungen. Ich habe jetzt Bypässe, bekomme LPa Apharese einmal die Woche und bin gut überwacht. Ich will das jetzt alles positiv sehen und die nächsten Wochen zurück ins normale Leben. Sarah hilft mir unglaublich dabei.

      Also Kopf hoch und weiter geht’s, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis ich wieder fit bin.

      Grüße aus dem Norden!

  2. Mir bleibt bei allem, was bei dir passiert ist immer noch der Atem und die Worte weg. Wenn ich sehe, was schon kleinere und routinemäßigere Gesundheitsthemen mental mit mir anstellen, dann kann ich mir ansatzweise vorstellen wie groß das Thema für dich sein muss. Dass du darüber schreibst, erscheint mir sehr wichtig. Der Einfluss der mentalen auf die physische Gesundheit doch groß und noch so unterschätzt, je nachdem, wo man hinfragt.
    In dem Sinne: weiterhin gute Besserung, Ruhe und Kraft für die vielen kommenden, kleinen Fortschritte.

    1. Vielen Dank für deine Worte. Es gibt noch viel zu verarbeiten, dieses Jahr war voller Extreme und ich möchte dringend Ruhe in 2026. Ich musste schmerzlich lernen, dass die Dinge sehr fragil sein können. Und nun Versuche ich dem Prozess zu vertrauen, jeden Tag ein kleines bisschen mehr.

Schreiben Sie einen Kommentar zu Miss Booleana Antwort abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.