Zwei Bücher zum Jahreswechsel

Nelio Biedermann – Lázár

In seinem zweiten Roman „Lázár“ entwirft Nelio Biedermann das unterkühlte Porträt einer wohlhabenden Familie, deren Glanz nach außen hin makellos scheint, während das Fundament längst Risse zeigt. Im Zentrum steht der junge Lazár, der in einer Welt des „Old Money“, strenger Konventionen und erdrückender Erwartungen aufwächst. Biedermann skizziert eine Welt, in der Erbschaften schwerer wiegen als Emotionen und die Suche nach der eigenen Identität oft im Schatten der Familiengeschichte erstickt wird. Es ist eine präzise Milieustudie über das Erben, das Bleiben und das schleichende Schwinden von Privilegien.

Die literarische Welt blickt derzeit gebannt auf Nelio Biedermann, und das aus einem spezifischen Grund: sein Alter. Dass ein Autor mit kaum zwanzig Jahren ein so sprachgewaltiges und formal diszipliniertes Werk vorlegt, löst zwangsläufig eine Debatte über „Wunderkinder“ und den damit verbundenen Hype aus. Doch wer „Lázár“ nur als jugendliches Kuriosum liest, wird dem Text nicht gerecht. Biedermann beweist ein erstaunliches Talent für Rhythmus und Distanz; seine Sprache ist geschliffen, fast schon unheimlich reif und verzichtet auf die typische Impulsivität vieler Frühwerke.

Der Vergleich zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ drängt sich dabei förmlich auf. Wie Mann im 19. Jahrhundert den Niedergang einer Kaufmannsfamilie sezierte, so beobachtet Biedermann den (inneren) Verfall einer Dynastie im 21. Jahrhundert. Während bei Mann der „Verfall der Werte“ noch durch gesellschaftliche Umbrüche bedingt war, ist es bei Biedermann eine fast klinische Isolation, die die Familie Lazár zersetzt. Es ist dieser Mut zum großen Traditionsbezug, der das Buch aus der Masse hebt. Warum keine 5 Sterne? Manchmal wirkt die stilistische Brillanz so kalkuliert, dass die emotionale Nahbarkeit der Figuren etwas auf der Strecke bleibt. Dennoch ist „Lázár“ ein beeindruckendes Zeugnis eines großen Talents, das den Vergleich mit den Klassikern nicht scheuen muss und zeigt, dass die großen Themen der Weltliteratur – Herkunft und Zerfall – zeitlos sind.

Rebecca F. Kuang – Yellowface

„Yellowface“ ist eine scharfe Satire auf die Verlagsbranche, die die Geschichte der erfolglosen weißen Autorin June Hayward erzählt, die das Manuskript ihrer verstorbenen, erfolgreichen chinesisch-amerikanischen Freundin Athena Liu stiehlt und als ihr eigenes veröffentlicht. Der Roman thematisiert auf provokante Weise kulturelle Aneignung, Identität und die Abgründe des Literaturbetriebs im Zeitalter der sozialen Medien.

Rebecca F. Kuangs „Yellowface“ bietet einen süchtig machenden und oft unbequemen Einblick in die Eitelkeiten und Ungerechtigkeiten der modernen Verlagswelt. Die Geschichte, erzählt aus der Perspektive der zutiefst fehlerhaften und unzuverlässigen June Hayward, ist eine packende Charakterstudie über Neid, Selbsttäuschung und die verzweifelte Suche nach Anerkennung. Die satirische Spitze des Romans trifft ihr Ziel oft präzise, insbesondere wenn es um Themen wie Tokenismus, „Cancel Culture“ und die Kommerzialisierung von Vielfalt geht. Manchmal kann die Botschaft jedoch etwas zu explizit ausfallen, und Junes beharrliche Realitätsverweigerung, obwohl zentral für ihre Figur, strapaziert mitunter die Glaubwürdigkeit. Trotz des fesselnden Erzählstils und der wichtigen Diskussionen, die das Buch anstößt, fühlt sich das Ende nicht ganz befriedigend an, da es die Konsequenzen für die Protagonistin nur bedingt thematisiert und somit die gewünschte Katharsis ausbleibt. Dennoch ist es ein relevantes Buch, das zum Nachdenken anregt und eine wichtige Debatte über Autorschaft und Identität in Gang setzt.

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