Nachhall

Transgenerationales Trauma ist ein recht kryptischer Begriff für etwas was auch noch schwierig zu fassen ist. Ich musste in letzter Zeit viel an eine Liedzeile aus dem Song „growing sideways“ von Noah Kahan denken: „I’m still angry at my parents for what their parents did to them“ Man kann es kaum besser ausdrücken. Viel Leid hätte einem erspart werden können wenn unsere Eltern und Großeltern gewusst hätten, wie man mit mentaler Gesundheit umgehen muss und was es bedeutet auf sich Acht geben zu können. Bei der Auseinandersetzung mit diesen Dingen geht es nie um Schuld, es geht darum zu verstehen, warum wir sind wie wir sind und was uns hier her gebracht hat.

Es gibt Sätze, die in einer Familie nie ausgesprochen werden, und die trotzdem gehört werden. Ein Schweigen am Esstisch, das schwerer wiegt als jedes Wort. Ein Zucken bei einem bestimmten Namen. Eine Angst, die keinen sichtbaren Anlass hat, aber trotzdem da ist, von einer Generation an die nächste gereicht wie ein Gegenstand, den niemand ausgepackt hat. Wer genau hinsieht, entdeckt in vielen Familien solche Weitergaben: nicht die Geschichte selbst, sondern ihr Nachhall. Wir geben die Verbände weiter die wir uns angelegt haben um uns zu schützen. Viele davon brauchen wir gar nicht, wir können aber nicht anders.

Der Psychoanalytiker Vamik Volkan hat für dieses Phänomen den Begriff des „chosen trauma“ geprägt, ursprünglich für das kollektive Gedächtnis ganzer Gruppen, aber auf die Familie im Kleinen übertragbar. Volkan beschreibt, wie ein Trauma, das nicht betrauert werden konnte, als „hinterlegtes Bild“ an die nächste Generation weitergegeben wird, die es unbewusst in sich trägt, ohne die ursprüngliche Erfahrung selbst gemacht zu haben. Das Kind erbt nicht die Erinnerung, sondern die Aufgabe, mit ihr fertigzuwerden.

Noch konkreter fassen es Nicolas Abraham und Maria Török, die das Bild des „Phantoms“ und der „Krypta“ entwickelten. Ihre These: Was ein Elternteil nicht verarbeiten oder aussprechen konnte, ein Geheimnis, eine Scham, ein ungetrauerter Verlust, wird nicht weitererzählt, sondern eingeschlossen. Es entsteht eine seelische Krypta, in der das Unausgesprochene ruht. Die nächste Generation erbt jedoch nicht die Krypta selbst, sondern ihr Wächter, das Phantom: ein Gefühl, das nicht zur eigenen Biografie zu gehören scheint und doch das eigene Denken und Fühlen durchdringt, wie eine fremde Stimme im eigenen Inneren.

Diese Bilder klingen literarisch, fast gespenstisch. Doch inzwischen gibt es auch biologische Hinweise auf solche Übertragungen. Die Traumaforscherin Rachel Yehuda untersuchte Holocaust-Überlebende und ihre erwachsenen Kinder und fand bei beiden Gruppen veränderte Muster der Stresshormonregulation, insbesondere niedrigere Cortisolwerte, sowie eine veränderte Methylierung des Gens FKBP5, das an der Stressverarbeitung beteiligt ist. Die Nachkommen selbst hatten das Trauma nicht erlebt, ihr Körper aber schien darauf vorbereitet zu sein, als hätte er es doch. Yehuda selbst mahnt zur Vorsicht: Die Mechanismen sind komplex, das Feld ist jung. Aber die Richtung der Befunde ist eindeutig genug, um eine alte Ahnung zu bestätigen, die viele Familien ohnehin kennen: Der Körper erinnert sich manchmal, wo der Verstand längst vergessen hat.

Wenn ich an die kleinen Risse denke, über die ich vor einiger Zeit schrieb, jene unscheinbaren Momente, die eine Biografie in eine Richtung lenken, dann ist die transgenerationale Weitergabe von Trauma vielleicht ihr dunkleres Gegenstück. Auch hier prägen kleine, kaum benennbare Dinge einen Verlauf, nur dass hier nicht das eigene Erleben den Riss setzt, sondern das ungelebte, unbetrauerte Erleben eines anderen. Und wenn ich über den Verlust nachdachte, den Reckwitz als kollektive Erfahrung unserer Gegenwart beschreibt, dann ist die Familie oft der erste Ort, an dem gelernt wird, wie man mit Verlust umgeht, oder eben, wie man es nicht lernt, weil er nie ausgesprochen wurde.

Der Familientherapeut Ivan Boszormenyi-Nagy sprach von „unsichtbaren Bindungen“, von Loyalitäten, die Kinder gegenüber ihren Eltern empfinden, ohne dass je ein Wort darüber fiele. Diese Loyalität kann bedeuten, ein Leid mitzutragen, das man selbst nie verstanden hat, aus einer Art stillschweigender Solidarität mit dem Schmerz der Eltern oder Großeltern. Man erbt nicht nur Möbel und Fotografien, sondern auch Aufgaben, die niemand einem gestellt hat.

Was also tun mit einem Erbe, das man nicht angefordert hat und doch in sich trägt? Vielleicht liegt der erste Schritt bereits im Benennen, im vorsichtigen Öffnen der Krypta, ohne den Anspruch, alles darin verstehen oder gar auflösen zu können. Manche Familien schaffen es, das Schweigen zu brechen. Andere tragen es weiter, aus Liebe, aus Angst, aus Gewohnheit. Bleibt die Frage, die sich nicht leicht beantworten lässt: Wie viel Vergangenheit muss ausgesprochen werden, damit sie aufhört, unbemerkt weiterzuwirken, und wie viel davon lässt sich überhaupt in Worte fassen?

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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