Herzinfarkt V

Ostern 2026. Mir geht es gut. Ich habe angefangen zu arbeiten, vier Wochen Hamburger Modell liegen hinter mir, ab Dienstag dann wieder „ganz normal“. Eine lange Phase des „wieder in die Spur kommen“ liegt hinter mir. Jetzt bin ich wieder aktiv, gehe zum Sport, lebe das Leben wieder mit einer neuen Normalität.

Es ist nicht lange her, aus der Reha kommend, jeder Tag war eine kleine Herausforderung, physisch, psychisch und unsicher in seiner Sicht auf die Zukunft. Jetzt hatte ich vor Kurzem meine erste große Nachuntersuchung zur Bypass-OP bei meiner Kardiologin. Die Ergebnisse waren sehr zufriedenstellend. Gute Werte in allen Bereichen, bestandener Belastungstest inklusive. „Sie dürfen jetzt wieder alles, Herr Hamdorf!“ Ein Satz dem ich entgegengefiebert habe. Bis heute spüre ich die Auswirkungen der OP, gerne macht sich zum Beispiel der Brustkorb bemerkbar wenn ich zu lange falsch liege, meine Narben auf der Brust und Bein sind noch immer deutliche Zeichen, die Psyche will auch jetzt noch nicht durchgängig die neue Sicherheit anerkennen. Im Großen und Ganzen aber doch viel Normalisierung und lange Phase der Entspannung. Dafür bin ich unendlich dankbar. Was nehme ich nun aber mit aus dieser schwierigen Zeit?

Diese Frage beantwortet sich nicht auf dem Papier. Sie beantwortet sich im Gehen, im langsamen Wiederfinden von Rhythmus. Aber wenn ich jetzt, an der Schwelle zum Alltag, zurückschaue, dann spüre ich etwas, das ich nur als Schärfung beschreiben kann: eine neue Aufmerksamkeit für das, was wirklich trägt.

Viktor Frankl, der aus den Erfahrungen des Äußersten eine Philosophie des Sinns destillierte, schrieb: „Dem Menschen kann man alles nehmen bis auf eine Freiheit: die Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen zu verhalten.“ Diese Freiheit habe ich in den vergangenen Monaten buchstäblich geübt. Nicht in Geste oder Theorie, sondern in jedem einzelnen Morgen, an dem die Entscheidung zu treffen war: Zulassen oder verschließen. Antworten oder verstummen.

Eine der überraschendsten Lektionen war die der Planbarkeit. Ich, der ich immer Strukturen liebte und Horizonte benötigte, habe gelernt, was es bedeutet, wenn der Horizont auf drei Tage schrumpft. Und paradoxerweise liegt darin eine Befreiung: Wenn man nicht mehr die ganze Zukunft im Blick hat, sieht man die Gegenwart klarer. Jetzt, da die Ärztin sagt „Sie dürfen wieder alles“, kehrt die Planbarkeit zurück – aber verändert. Es ist nicht mehr die alte Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung für Neugier. Für das nächste Projekt, das nächste Gespräch, die nächste Reise. Hartmut Rosa würde vielleicht sagen: Die Welt hat wieder angefangen zu sprechen. Sie ist kein Verwaltungsgegenstand mehr, sondern ein Resonanzraum.

Und dann: die Freundschaften.

Es gibt einen Unterschied – den spürt man erst in der Stille einer langen Genesungszeit –, ob jemand präsent ist, weil es sich gerade schickt, oder weil er wirklich da ist. Martin Buber beschrieb die echte Begegnung als das „Ich-Du“-Verhältnis: kein Gegenüber, das ich als Objekt behandle, sondern eines, das mich anspricht und verändert. In den vergangenen Monaten habe ich erlebt, wie manche Beziehungen sich unter dem Druck des Ernsten klärten. Manche Verbindungen erwiesen sich als tragfähig, andere als dünn. Keine Klage – eher eine stille Inventur.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Freundschaft keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Praxis. Und eine Haltung. Sie braucht das Zumuten und das Aushalten. Sie braucht die Bereitschaft, den anderen in seinen schwierigen Stunden nicht zu glätten – das wäre, mit Byung-Chul Han gesprochen, nur eine weitere Form des Frictionless Design. Echte Nähe hat Reibung. Sie hält stand.

Paul Ricoeur hat die menschliche Identität als narrative Konstruktion beschrieben: Wir sind, wer wir uns erzählen zu sein. Diese Krankheit, diese Operation, diese Monate – sie sind nun Teil der Geschichte. Nicht als Trauma, das es zu überwinden gilt, sondern als Kapitel, das die nächsten Kapitel färbt. Als Riss, der sichtbar bleibt, aber auch zeigt: Dieses Material hält.

Aristoteles sprach von der hexis, der eingelebten Haltung, die aus vielen kleinen Handlungen entsteht. Nicht ein großer Entschluss formt uns, sondern das stille, täglich erneuerte Tun. Jeden Morgen aufstehen. Zum Sport gehen. Neugierig bleiben. Das ist kein Pathos – es ist Übung.

Ostern 2026. Es geht mir gut. Der Brustkorb meldet sich noch gelegentlich, die Narben sind sichtbar, die Psyche übt sich im neuen Vertrauen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schaue ich nach vorn mit einer Neugier, die ich so nicht kannte. Was kommt? Ich weiß es nicht genau. Aber ich bin wieder bereit, es herauszufinden.

Flow im Ohr
Flow im Ohr

The burdens of being upright

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