Konservativismus, wofür steht das eigentlich? Schauen wir uns doch einfach mal die Definition an:
„[lat.] K. (auch: Konservativismus) ist eine politische Weltanschauung, die die Stärken der Tradition hervorhebt, die herrschende Politische Ordnung bewahrt bzw. stärkt und die vorgegebene Verteilung von Macht und Reichtum vor Kritik schützt. Die drei wichtigsten Prinzipien des K. sind daher Identität, Sicherheit und Kontinuität.“ (https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17742/konservatismus/)
Auf den ersten Blick sind das alles erstmal sehr erstrebenswerte Dinge, stark verhaftet auf dem Boden des Grundgesetzes. Da könnte ich mich fast als konservativ einordnen. In der Realität zeigt sich aber häufig ein anderes Bild, konservative Regierungsparteien tendieren dazu die Energiewende zu verschlafen, den Klimawandel nicht die richtige Priorität zuzuschreiben, auf veraltete Technologie zu setzen und die Schere zwischen arm und reich immer größer werden zu lassen. Alles Dinge die ich per se nicht als „erhaltend“ einstufen würde. Wäre die CDU nicht die ideale Partei für den Umweltschutz? Konservativ würde für mich hier bedeuten die Natur zu schützen, sie für die Nachkommen, entschuldigt die Wiederholung, zu erhalten!
Wie konnte es also zu den aktuellen Entwicklungen kommen? Was bildet die Grundlage dieses Handelns? Ist es die reine Gier, oder hatte der Konservativismus schon immer etwas zu sehr reaktionäres in sich. Gibt es vielleicht auch neue Strömungen die die Dinge auch mal anders interpretieren? Die Beantwortung der Fragen sollen mich ein Stück weit befrieden mit den aktuellen Entwicklungen. Vielleicht ist eine Evolution des Status Quo doch möglich.
Konservativ vs. reaktionär, ein wichtiger Unterschied
Der Soziologe Karl Mannheim hat in seinem Aufsatz „Das konservative Denken“ (1925/27) eine Unterscheidung getroffen, die hier weiterhilft: Er trennt den Traditionalismus, das instinktive Festhalten am Bestehenden, vom Konservatismus als bewusster, reflektierter politischer Haltung. Und beides ist wiederum nicht dasselbe wie der Reaktionismus, der einen vergangenen Zustand wiederherstellen will.
Diese Dreiteilung erklärt für mich einiges. Wer Verbrennungsmotoren, Kohleverstromung oder ein als „bürgerlich“ verklärtes Gestern konservieren will, ist eigentlich nicht konservativ, sondern reaktionär. Denn er will nicht den lebendigen Zustand erhalten, sondern einen, der historisch gerade vergeht. Echter Konservatismus im Sinne Edmund Burkes, des Stammvaters der modernen konservativen Theorie, versteht Gesellschaft als Vertrag zwischen den Lebenden, den Toten und den noch nicht Geborenen. Wer das ernst nimmt, kommt am Klimaschutz schwer vorbei.
Die deutsche Ironie: Naturschutz war konservativ
Was den deutschen Fall besonders pikant macht: Der organisierte Naturschutz ist hierzulande aus einem konservativen Milieu entstanden. Die Heimatschutzbewegung um Ernst Rudorff, der 1904 den Bund Heimatschutz gründete, oder der von Lina Hähnle 1899 gegründete „Bund für Vogelschutz“ (heute NABU) waren ursprünglich keine linken Projekte. Es ging um die Bewahrung von Landschaft, Heimat und Ortsbild gegen die Zumutungen ungebremster Industrialisierung.
Auch in der CDU gab es lange eine Linie, die das ernst nahm: Klaus Töpfer als Umweltminister, später UNEP-Direktor, war ein international anerkannter Umweltpolitiker mit klar konservativem Selbstverständnis. Und die Energiewende-Beschlüsse von 2011 nach Fukushima fielen unter einer CDU-geführten Regierung. Dass die Partei heute oft anders auftritt, ist also kein Naturgesetz konservativen Denkens, sondern ein politisches Ergebnis.
Warum es trotzdem ist, wie es ist
Die ehrliche Antwort liegt aus meiner Sicht in einer Spannung innerhalb des Konservatismus: zwischen Wertkonservatismus (Bewahrung von Lebensgrundlagen, Schöpfung, Heimat) und Struktur- bzw. Wirtschaftskonservatismus (Bewahrung der bestehenden ökonomischen Ordnung, Eigentumsverhältnisse, Industriestrukturen). Die zweite Variante hat in den vergangenen Jahrzehnten in Union und britischen Tories die Oberhand gewonnen, getragen von Lobbygruppen, gewachsenen Industrieinteressen und dem Kurzfristhorizont von Wahlperioden.
Hinzu kommt eine unbequeme Konsequenz aus der bpb-Definition selbst: Wer „die herrschende politische Ordnung bewahrt“ und „die vorgegebene Verteilung von Macht und Reichtum vor Kritik schützt“, konserviert damit auch die Strukturen, die diese Verteilung tragen. Und das sind im fossilen Zeitalter eben fossile Strukturen. Die innere Logik des Strukturkonservatismus arbeitet hier gegen den ökologischen Wertkonservatismus. Das ist kein Zufall, sondern Systemmerkmal.
Es gibt sie, die anderen Strömungen
Und doch: Eine konservative Ökologie ist denkbar, und sie wird gedacht. Der britische Philosoph Roger Scruton hat 2012 mit How to Think Seriously About the Planet: The Case for an Environmental Conservatism eine bemerkenswerte Schrift vorgelegt. Sein Schlüsselbegriff ist „Oikophilia“, die Liebe zum Zuhause, zum eigenen Ort, als Mittelweg zwischen libertärem Marktindividualismus und linkem Globalismus. Scrutons Argument: Umweltschutz aus Heimatliebe, aus Verantwortung gegenüber den Nachkommen, aus einem Sinn für das Schöne und Gewachsene, das ist zutiefst konservativ. Man muss kein Linker sein, um Bäume zu mögen.
In Deutschland gibt es diesen Faden ebenfalls. Die KlimaUnion wurde am 27. März 2021 von CDU- und CSU-Mitgliedern gegründet, mit dem ausdrücklichen Ziel einer Paris-konformen Klimapolitik aus der bürgerlichen Mitte. Sie versteht den Umbau Deutschlands zur klimaneutralen Industrienation als „wirtschaftliche Chance und konservatives Selbstverständnis zum Schutz von Umwelt, Heimat und der Schöpfung“. Stimmen wie Andreas Jung in der Unionsfraktion arbeiten genau an dieser Schnittstelle.
Dass Mitgründer Heinrich Strößenreuther Ende 2024 wieder aus der CDU austrat, weil ihm die Rhetorik der Partei zunehmend nach rechts abdriftete und Friedrich Merz und Markus Söder bei Klima- wie Migrationsthemen „AfD-Sprech“ übernähmen, zeigt aber auch: Diese Strömung kämpft, und sie hat es schwer. Aufgegeben hat sie sich nicht.
Was bleibt
Befrieden, ich greife dein Wort auf, kann mich an dieser Recherche Folgendes: Das, was wir aktuell mehrheitlich als „konservativ“ wahrnehmen, ist nicht der Konservatismus. Es ist eine bestimmte, ökonomisch dominierte Spielart, die sich phasenweise gegen ihre eigenen geistigen Grundlagen wendet. Konservativ und ökologisch sind keine Gegensätze, im Gegenteil, sie gehören eigentlich zusammen. Die Frage „Was wollen wir den Nachkommen hinterlassen?“ ist konservativ in ihrem reinsten Wortsinn.
Eine Evolution des Status quo ist also möglich, sie findet bereits statt, nur minoritär. Ob sie sich durchsetzt, ist offen. Aber sich selbst als ökologisch denkender Mensch konservative Wurzeln zuzugestehen, ist kein Widerspruch. Vielleicht ist es sogar Teil der Lösung.

@rene Heute sollen im Konservatismus vor allem Privilegien und Machtpfründe, sowie Vermögen einzelner erhalten werden. Eine Anpassung an sich verändernde Situationen (Realität Klimakrise, ArmReichSchere, Rechtsruck) wird nicht wahrgenommen oder aktiv verleugnet.
Remote Reply
Original Comment URL
Your Profile
Why do I need to enter my profile?
This site is part of the ⁂ open social web, a network of interconnected social platforms (like Mastodon, Pixelfed, Friendica, and others). Unlike centralized social media, your account lives on a platform of your choice, and you can interact with people across different platforms.
By entering your profile, we can send you to your account where you can complete this action.
@rene Konservatismus beinhaltet konservieren, also haltbar machen. Man kann natürlich Bewährtes erhalten, eine gesunde Umwelt zum Beispiel oder eine Kultur des sozialen Miteinander. Was mir aber auffiel ist der Satz "vorgegebene Verteilung von Macht und Reichtum vor Kritik schützen" . Auch ungerechte? Das geht auch unter Polizeieinsatz. Eine konservativ/ progressive Regierung, die Wertvolles erhält und Veränderungen unterstützend begleitet ist das, was wir brauchen.
Remote Reply
Original Comment URL
Your Profile
Why do I need to enter my profile?
This site is part of the ⁂ open social web, a network of interconnected social platforms (like Mastodon, Pixelfed, Friendica, and others). Unlike centralized social media, your account lives on a platform of your choice, and you can interact with people across different platforms.
By entering your profile, we can send you to your account where you can complete this action.