In letzter Zeit habe ich mich was meine Internet-Aktivitäten auf Mastodon konzentriert. Ich wollte für eine Zeit mal etwas mehr Interaktion, schauen, wo Kommunikation angeregter von Statten gehen kann. Ich wusste natürlich, dass das Format dort letztendlich nicht zu einer Tiefe führt die viele Themen eigentlich benötigen, aber am Ende gibt es auch da Immer die Möglichkeit auf Menschen zu treffen, die einem immer wieder andere Blickwinkel und Ideen aufzeigen können. Dort dann eher unter der Prämisse, mehr ist mehr.
Ich bin da völlig ergebnisoffen ran gegangen, es musste nicht funktionieren. Irgendwann kann/konnte auch dabei heraus kommen, dass die Zeit die man damit verbringt keinen Mehrwert bringt. Aber wie immer im Leben ist das gar nicht so leicht zu bewerten. Ich engagiere mich dort jetzt verstärkt seit ein paar Wochen und es war, wie man es erwarten kann, Licht und Schatten. Im Grunde natürlich nicht anders als zu guten Zeiten auf Twitter vor einigen Jahren. Ein riesiges Durcheinander an tollen Beiträge, Wortwitzen, schrägen Blickwinkeln und pointierten Meinungen. Man trifft auf alle Archetypen von Internetverhalten, neue Aspekt, Klugscheißerei, Warmherzigkeit und Whataboutisms. Im Grunde finde ich es wie immer wunderbar ambivalent. Ich lerne dort jeden Tag und gleichzeitig ärgere ich mich immer wieder über Engstirnigkeiten einzelner User:innen. Wie immer scheint es kein Mittelweg zu geben. Eine Idee zu Nachhaltigkeit kann nicht als Idee gesehen werden, weil sie eventuell mit anderen Menschen über WhatsApp organisiert werden damit die Einstiegshürde flach gehalten wird. So als Beispiel. Man konzentriert sich oft auf die eigenen Themen, ohne die Sicht auf das große Ganze zu wahren und den Grautönen des Lebens Rechnung zu tragen.
Warum sind Menschen also so?
Das digitale Netz und das Verschwinden des Anderen
Die Antwort liegt tiefer, als es der erste Blick vermuten lässt. Byung-Chul Han beschreibt in Im Schwarm (2013), wie digitale Kommunikation die Fremdheit des Anderen eliminiert. Im Netz begegnen wir nicht dem Anderen in seiner Komplexität, sondern konstruierten Identitäten, die wir bewerten, liken oder blockieren können. Das Medium selbst fördert das Binäre: Zustimmung oder Ablehnung, Repost oder Ignoranz. Han nennt dies die „Positivierungsgesellschaft“, eine Gesellschaft, die das Negative, das Widerständige, das Mehrdeutige aussortiert. Was bleibt, ist eine glatte Oberfläche aus gleichgesinnten Meinungen, in der Nuancen keinen Platz mehr haben.
Phronesis: Die verlorene Kunst der praktischen Klugheit
Dabei ist die Unfähigkeit zum Kompromiss kein bloßes Versagen der Vernunft, sie ist oft ein Schutzmechanismus. Aristoteles unterschied zwischen dem theoretischen Wissen (episteme) und der praktischen Klugheit (phronesis), jener Fähigkeit, die konkrete Situation zu lesen und das Richtige im Unreinen zu erkennen. Phronesis ist anstrengend; sie verlangt Ambiguitätstoleranz, die Bereitschaft, in Grautönen zu denken. Das eindeutige Urteil, diese Idee ist schlecht, weil sie WhatsApp verwendet – entlastet. Es erspart die mühsame Arbeit, Mittel und Zweck zu trennen, Kontext zu berücksichtigen, verschiedene Werte gegeneinander abzuwägen.
Isaiah Berlin hat in seinem Essay Two Concepts of Liberty (1958) auf etwas Grundlegendes hingewiesen: Werte sind oft genuinerweise unvereinbar. Freiheit und Gleichheit, Effizienz und Gerechtigkeit, sie lassen sich nicht immer harmonisieren. Wer das aushält, kann Kompromisse schließen, ohne das Wesentliche zu verraten. Wer es nicht aushält, neigt zur Reinheit: zur Idee, dass eine gute Sache durch unvollkommene Mittel korrumpiert wird. Diese Logik der Reinheit, so verlockend sie wirkt, führt in die Handlungsunfähigkeit, oder, schlimmer noch, in die Ausgrenzung aller, die anders ticken.
Resonanz versus Verfügbarkeit
Hartmut Rosa würde die strukturelle Dimension ergänzen: Soziale Medien sind keine Resonanzräume. Sie sind, in Rosas Terminologie, Orte der Verfügbarkeit, wir scrollen, konsumieren, kommentieren, aber wir werden nicht wirklich berührt und berühren nicht wirklich zurück. Resonanz entsteht dort, wo wir uns vom Anderen her verändern lassen, wo etwas in uns antwortet. Dafür braucht es Zeit, Langsamkeit und die Bereitschaft zur Verletzlichkeit. Genau das ist online strukturell schwer: Die Plattformlogik belohnt das Schnelle, das Eindeutige, das Polarisierende, nicht das Tastende, das Unfertige, das Nachdenkliche.
Und doch: Auch ich habe dort Menschen getroffen, die einen neuen Blickwinkel aufmachten. Vielleicht liegt die Antwort nicht darin, das Netz zu verlassen, sondern anders mit ihm umzugehen. Die eigene phronesis zu schärfen. Das Kleine nicht gegen das Große auszuspielen. Zu lernen, dass eine Idee zur Nachhaltigkeit, die über WhatsApp organisiert wird, keine Kapitulation ist, sondern ein pragmatischer Schritt in der Wirklichkeit, jener chaotischen, widersprüchlichen Wirklichkeit, in der gute Absichten immer mit unvollkommenen Mitteln in Berührung kommen.
Am Ende ist die Fähigkeit zum Kompromiss vielleicht die schwierigste Form der Reife. Sie verlangt, das Gute im Unvollkommenen zu erkennen, und trotzdem weiterzumachen. Nicht trotz der Widersprüche, sondern mit ihnen. Das Große zeigt sich eben oft im Kleinen: in der Geste, die eine Tür aufhält; im Gespräch, das man führt, obwohl die Plattform die falsche ist; im Kompromiss, den man eingeht, weil man gelernt hat, dass Reinheit ein Luxus ist, den die Wirklichkeit selten gewährt.
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@rene Feine Aussage: "Die Plattformlogik belohnt das Schnelle, das Eindeutige, das Polarisierende, nicht das Tastende, das Unfertige, das Nachdenkliche."
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Und verleugnet dabei einen Teil unseres Menschseins. Diese Algorithmen bilden uns nicht ab. Das müssen wir wissen.
@rene ich finde die Aussage trifft auch für mastodon zu, ohne die Algorithmen.
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Definitiv!
@rene „Am Ende ist die Fähigkeit zum Kompromiss vielleicht die schwierigste Form der Reife. Sie verlangt, das Gute im Unvollkommenen zu erkennen, und trotzdem weiterzumachen. Nicht trotz der Widersprüche, sondern mit ihnen.“
Hammer-Aussage. Echt schön.
#perle
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