Frictionless Design

Wenn die Reibung verschwindet

Es gibt ein Versprechen, das sich durch die digitale Moderne zieht wie ein roter Faden: das Versprechen der Reibungslosigkeit. Frictionless Design – so nennen UX-Designer jene Gestaltungsphilosophie, die alle Hindernisse zwischen Nutzer und Ziel beseitigen will. Kein Nachdenken, kein Zögern, keine Unterbrechung. Die perfekte App lässt uns vergessen, dass wir sie benutzen. Der ideale Kaufprozess endet, bevor wir ihn bewusst begonnen haben. One-Click-Shopping, nahtlose Authentifizierung, intuitive Navigation – Reibung ist der Feind, und ihre Eliminierung das Ziel.

Unternehmen investieren Milliarden in diese Glättung der Nutzererfahrung, und das aus gutem Grund: Jeder zusätzliche Klick, jedes Formularfeld, jede Sekunde Wartezeit kostet messbar Konversion und Umsatz. Die Logik ist bestechend einfach: Was leicht ist, wird getan. Was mühsam ist, wird abgebrochen. In der Aufmerksamkeitsökonomie, in der wir um begrenzte kognitive Ressourcen konkurrieren, erscheint Frictionless Design als pure Nutzerfreundlichkeit.

Doch der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han sieht in dieser Glattheit etwas anderes: ein Symptom unserer Zeit, das weit über das Interface-Design hinausreicht. In Saving Beauty diagnostiziert er eine Gesellschaft, die alles Negative, Widerständige, Irritierende eliminiert. Das Glatte, so Han, verletzt nicht, bietet keinen Widerstand, sucht nur das Like. Es löscht jeden Einspruch, jeden Konflikt, jede Fremdheit. Jeff Koons‘ makellose Skulpturen, das kratzerfreie Smartphone-Display, die gefilterte Instagram-Ästhetik – sie alle verkörpern dieselbe kulturelle Norm: eine Oberfläche ohne Brüche.

Die Konsequenzen reichen tief. Matthew Crawford argumentiert in The World Beyond Your Head, dass unsere Aufmerksamkeitskrise nicht primär technologisch, sondern kulturell bedingt ist. Wenn Unternehmen unsere Umgebung so gestalten, dass wir möglichst wenig denken müssen, verlieren wir die Fähigkeit zur bewussten Auseinandersetzung mit der Welt. Crawford spricht von einer Kolonialisierung der Aufmerksamkeit: Unsere geistige Präsenz wird zur Ressource, die geerntet und monetarisiert wird. Das Frictionless Design dient dabei als Werkzeug, das uns in einem „reibungslosen Netz schwacher Bindungen“ hält, die wir nach Bedarf aktivieren können, ohne je wirklich gefordert zu werden.

Hartmut Rosa würde hier von einem Verlust an Resonanz sprechen. Resonanzerfahrungen entstehen gerade dort, wo wir auf Widerstand treffen, wo die Welt uns antwortet und herausfordert. Eine Beziehung, die nie streitet; ein Instrument, das sich von selbst spielt; ein Lernprozess ohne Mühe – all das mag bequem sein, aber es erzeugt keine Tiefe. Die Glattheit, die uns versprochen wird, ist zugleich eine Verarmung: Sie nimmt uns die Möglichkeit, an der Reibung zu wachsen.

Hier liegt die philosophische Brisanz: Wenn ich in meinen Überlegungen zu den „Rissen“ im Alltag schrieb, dass gerade die kleinen Irritationen, die Störungen im Gewohnten uns formen – dann ist Frictionless Design der systematische Versuch, genau diese formativen Momente zu eliminieren. Der Defekt, so hatte ich mit Heidegger argumentiert, macht das Verflochtene sichtbar. Doch wenn alles nahtlos funktioniert, sehen wir nichts mehr. Die Welt verstummt, wie Rosa sagen würde.

Es geht nicht darum, unnötige Komplikationen zu romantisieren oder schlechtes Design zu verteidigen. Die Frage ist vielmehr, ob eine Gesellschaft, die systematisch alle Widerstände glättet, nicht etwas Wesentliches verliert: die Fähigkeit zur Anstrengung, zum Aufschub, zur Reflexion. Studien zeigen, dass Information, die mit leichter Mühe verbunden ist – etwa durch eine schwerer lesbare Schrift –, besser erinnert wird. Die kognitive Reibung, die wir so eifrig beseitigen, war vielleicht nie nur Hindernis, sondern auch Werkzeug des Verstehens.

Vielleicht liegt die Weisheit darin, Reibung nicht als Feind zu betrachten, sondern als Praxis der Aufmerksamkeit. Nicht jede Pause ist Ineffizienz; nicht jeder Widerstand ist Problem. Die Stoa würde sagen: Zwischen Impuls und Handlung liegt ein Raum, der uns gehört. Frictionless Design verkleinert diesen Raum systematisch. Es nimmt uns nicht nur Zeit ab – es nimmt uns Gelegenheiten zur Selbstbestimmung.

Am Ende stehen wir vor einer kulturellen Entscheidung: Wollen wir eine Welt, in der alles fließt, oder eine, in der wir gelegentlich innehalten müssen? Die Antwort muss kein Entweder-Oder sein. Aber sie verlangt, dass wir die Glattheit, die uns umgibt, nicht länger als neutral betrachten. Sie ist eine Gestaltung unserer Erfahrung – und damit unserer selbst.


Flow im Ohr
Flow im Ohr

The burdens of being upright

65 posts
12 followers

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.