Was schulden wir unseren Kindern?

Vor einiger Zeit schrieb ich auf diesem Blog darüber was wir unseren Eltern schulden. Mich interessiert jetzt noch der andere Blickwinkel, selber Eltern sein und auf die Dinge schauen, die jetzt anders sind. Ich schrieb damals: „Ich habe eine eigene Geschichte, aber auch eine mit meinen Kindern. Unvollendete Erzählungen. Und sie werden es bleiben bis es zu spät ist. Die eigene befindet sich immer wieder in Neubewertung.“ Was also hat sich geändert und was sind meine Pflichten den Kindern gegenüber.

Kurze Zusammenfassung der Ereignisse: Ich habe einen Sohn, 22 Jahre, und eine Tochter, 20 Jahre. Wir hatten ein paar schöne Jahre zusammen bis es in der Jugend zur Scheidung kam und der Loyalitätskonflikt bei nicht funktionierender Elternbeziehung zum Auseinanderleben kam mit all seinen Facetten. Jetzt haben wir eine recht lange Zeit keinen Kontakt mehr, oder den nötigsten für administrative Dinge. So sehr ich mir wünschte, dass es anders wäre, so sehr stehen kommunikative Barrieren zwischen uns die es kaum möglich machen einen sinnvollen Kontakt aufzubauen. Eine Geschichte, wahrscheinlich so alt wie die Menschheit.

Was bin ich ihnen nun also schuldig? Ich habe sie die ersten Jahre begleitet mit all den vielen kleinen und großen Geschichten die das Elternsein mit sich bringt. Nun fühlt es sich natürlich unvollendet an, hätte sie gerne weiter begleitet und meine Sichtweise auf die Welt mit eingebracht, eine weitere Reflektionsfläche geboten, denn erwachsen werden bedeutet im Idealfall viele Blickwinkel kennenzulernen um dann die eigene Mischung, das eigene Territorium zu finden. Multiple Einflüsse sind da so wichtig für die eigene Entwicklung. Fühlt sich nicht gut an diese Gelegenheit nicht bekommen zu haben. Was aber sind die philosophisch/soziologischen Grundlagen dafür?

Hans Jonas hat in „Das Prinzip Verantwortung“ das Verhältnis von Eltern und Kind als das Urbild aller Verantwortung beschrieben. Nicht weil es das schönste sei, sondern weil hier eine Asymmetrie zutage tritt, die jeder Übereinkunft vorausgeht: Ein neues Leben erscheint, und allein durch seine Hinfälligkeit erhebt es einen Anspruch, den niemand verhandelt hat. Das Kind wurde nicht gefragt, ob es kommen wolle. Genau darum, sagt Jonas, sind wir gebunden. Die Schuld, im wörtlichen Sinne des Geschuldeten, beginnt nicht mit einem Versprechen, sondern mit einer Tatsache.

Diese Verantwortung lässt sich nicht einseitig kündigen. Sie endet nicht mit der Volljährigkeit, nicht mit dem Auszug, nicht einmal mit dem Schweigen. Aber, und das ist die Bitterkeit, in der man sich zurechtfinden muss, sie kann nicht erzwingen, was sie eigentlich sucht. Verantwortung lässt sich tragen, auch im Verborgenen, auch über Entfernungen hinweg. Beziehung dagegen ist ein Zweistimmiges. Sie muss von beiden Seiten gewollt sein, sonst bleibt sie eine Form ohne Klang.

Martin Buber hat in „Ich und Du“ diese Einsicht in eine schlichte Formel gefasst: Das Ich-Du-Verhältnis ist Gnade, nicht Werk. Man kann die Tür offen lassen, aber nicht beschließen, dass der andere hindurchgeht. Vielleicht ist das die schwerste Lektion in jener Lebensphase, in der die Kinder erwachsen werden: Loslassen heißt nicht aufhören zu lieben, sondern aufhören, die Liebe in eine bestimmte Gestalt zwingen zu wollen. Sie bleibt, aber sie wird offen, ungesichert, oft ohne Antwort.

Aristoteles schreibt im achten Buch der Nikomachischen Ethik, dass Eltern ihre Kinder lieben, sobald sie geboren sind; die Kinder ihre Eltern aber erst, sobald sie verstehen, dass sie ihnen ihr Dasein verdanken. Auch hier eine zeitliche Verschiebung. Das Verstehen kommt später, manchmal viel später, manchmal in einer Form, die wir nicht mehr erleben. Es kommt, wenn es kommt, und niemand kann es herbeireden.

Was schulde ich also Kindern, mit denen ich keinen lebendigen Kontakt mehr habe? Ich glaube, dreierlei, das nicht von ihrer Antwort abhängt.

Erstens: Wahrhaftigkeit. Auch wenn niemand zuhört, gehört es zur Würde der Beziehung, sich nicht in Bitterkeit oder Selbstrechtfertigung zu flüchten. Die eigene Geschichte ehrlich zu halten, den eigenen Anteil daran nicht zu verkleinern, das ist eine stille Pflicht, die nichts einfordert.

Zweitens: Offenheit. Axel Honneth hat in „Kampf um Anerkennung“ gezeigt, dass Liebe die erste und tiefste Form der Anerkennung ist, das Fundament, auf dem alles Spätere ruht. Auch wenn diese Anerkennung gerade nicht angenommen wird – sie muss verfügbar bleiben. Eine Tür, die offen steht, auch wenn niemand hindurchgeht, ist etwas anderes als eine verschlossene. Sie ist ein Versprechen ohne Bedingung.

Drittens: Verzicht auf Deutungshoheit. Vielleicht das Schwerste. Paul Ricoeur hat in seinem Begriff der narrativen Identität gezeigt, dass wir uns selbst erzählend hervorbringen – und niemand darf uns diese Arbeit abnehmen. Auch nicht aus Liebe. Meine Version ihrer Geschichte ist nicht die ihre. Sie nicht zu drängen, sie nicht mit der eigenen Rechtfertigung zu überschreiben, das ist eine Form von Respekt, die wehtut, weil sie so still ist.

Bleibt der Schmerz. Er bleibt. Es gibt keine philosophische Formel, die ihn auflöst, und vielleicht ist das auch gut so. Trauer, die sich nicht verleugnen lässt, hält etwas wach, das wichtig ist: das Wissen, dass es um Menschen geht, nicht um Positionen. Hartmut Rosa würde sagen, dass die Welt nicht verstummen darf, auch wenn eine bestimmte Stimme schweigt. Sie bleibt resonanzfähig in andere Richtungen, ohne dass das die eine, vermisste Stimme ersetzt.

Was ich ihnen schulde, ist am Ende vielleicht nicht so anders als das, was Eltern ihren Kindern immer geschuldet haben: Da zu sein, ohne zu fordern. Bereit zu bleiben, ohne mit der Bereitschaft zu drohen. Und, das ist möglicherweise die größte Schuld, an mir selbst zu arbeiten, damit derjenige, der ihnen eines Tages vielleicht wieder begegnen könnte, gewachsen ist und nicht verhärtet. Mehr lässt sich nicht versprechen. Aber weniger auch nicht.

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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