Pluribus


„Pluribus“ und die Einsamkeit der letzten Menschen: Über Gemeinschaft, Überleben und die Illusion von Freiheit

Meine Lieblingsserie der letzten Woche war eindeutig „Pluribus“ auf Apple TV. Wahrscheinlich auch weil das Szenario mich an einer meiner All-Time-Favorites Serien überhaupt erinnert: „Last Man on Earth“. Beide Serien spielen damit, dass ein Virus weite Teile der Menschheit auslöscht und die Einsamkeit des Individuums die Protagonisten vor Herausforderungen stellt.

Die Apple-TV-Serie Pluribus (2024) entwirft eine dystopische Zukunft, in der eine kleine Gruppe von Menschen in einer scheinbar perfekten, aber streng kontrollierten Kolonie lebt – isoliert von einer zerstörten Außenwelt. Die Serie stellt Fragen nach Freiheit, kollektiver Identität und der Sehnsucht nach Authentizität in einer durchregulierten Welt. Interessanterweise finden sich hier Parallelen zu The Last Man on Earth (2015–2018), die auf den ersten Blick gegensätzlich wirken: Während Pluribus eine hochorganisierte, aber unfreie Gemeinschaft zeigt, inszeniert Last Man on Earth das absurde Überleben weniger Einzelner in einer leeren Welt. Doch beide Serien kreisen um dasselbe philosophische Problem: Was bleibt vom Menschen, wenn die Gesellschaft zerbricht – oder wenn sie ihn vollständig vereinnahmt?

1. Gemeinschaft als Zwang und als Rettung: Hobbes vs. Arendt

Pluribus erinnert an Thomas Hobbes’ Leviathan: Die Überlebenden haben sich einem strengen Sozialvertrag unterworfen, der Sicherheit gegen Freiheit tauscht. Die Kolonie funktioniert wie ein mechanisches Uhrwerk – doch genau darin liegt die Bedrohung. Die Protagonisten spüren, dass ihre Identität in der homogenen Masse verschwindet, ähnlich wie in Hannah Arendts Analyse totalitärer Systeme, die den Einzelnen zur austauschbaren „Funktion“ reduzieren. Die Serie fragt: Ist eine Gemeinschaft, die Überleben garantiert, aber Individualität erstickt, überhaupt noch menschlich?

The Last Man on Earth kehrt diese Frage um: Hier gibt es keine Regeln mehr, nur noch das nackte Dasein. Doch selbst in der Leere suchen die Figuren verzweifelt nach Gemeinschaft – sei es durch absurde Rituale oder die Gründung einer Mini-Gesellschaft. Phil (Will Forte) und seine Mitüberlebenden zeigen, dass der Mensch, wie schon Aristoteles betonte, ein zoon politikon ist: Selbst am Ende der Welt kann er nicht ohne soziale Bindungen existieren. Doch die Serie enthüllt auch die Kehrseite: Gemeinschaft wird schnell zur Farce, zur Projektion individueller Ängste.

2. Die Illusion der Freiheit: Foucault und die Mikrophysik der Macht

In Pluribus ist die Kolonie ein Panoptikum im Sinne Michel Foucaults: Die Bewohner überwachen sich gegenseitig, ohne dass eine zentrale Autorität sichtbar wäre. Die „Freiheit“, die sie zu haben glauben, ist eine simulierte – ähnlich wie in unseren sozialen Medien, wo wir uns als autonom inszenieren, während Algorithmen unser Verhalten steuern. Die Serie zeigt, wie Macht heute funktioniert: nicht durch offene Unterdrückung, sondern durch die Internalisation von Normen. Die Figuren rebellieren nicht gegen die Regeln, sondern gegen das Gefühl, dass sie selbst zu Rädchen im System geworden sind.

The Last Man on Earth hingegen demaskiert die andere Seite der Freiheit: absolute Einsamkeit. Ohne Gesellschaft wird Freiheit zur Belastung. Die Figuren erfinden sich gegenseitig Regeln, um dem Chaos einen Sinn zu geben – ein ironischer Kommentar zu Jean-Paul Sartres These, dass der Mensch „zur Freiheit verurteilt“ ist. Doch selbst in der Apokalypse reproduzieren sie soziale Hierarchien und Ausgrenzung. Die Freiheit, alles tun zu können, entpuppt sich als leere Möglichkeit.

3. Das Ende der Geschichte? Kojeve und die Posthistoire

Beide Serien spielen mit Alexandre Kojèves Idee der „Posthistoire“ – einem Zustand, in dem die großen ideologischen Kämpfe beendet sind und nur noch Verwaltung bleibt. Pluribus zeigt eine Welt, in der Geschichte durch Technokratie ersetzt wurde: Es gibt keine Konflikte mehr, nur noch Optimierung. Doch genau das macht die Figuren unruhig – sie spüren, dass etwas fehlt. Ähnlich ist The Last Man on Earth eine Parodie auf Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“-These: Die Apokalypse hat alle Ideologien weggefegt, übrig bleibt nur noch das banale Überleben.

Doch in beiden Serien bricht das Verdrängte wieder durch: In Pluribus sind es unterdrückte Erinnerungen an die „alte Welt“, in Last Man on Earth die absurde, aber hartnäckige Sehnsucht nach Normalität. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft: Der Mensch kann weder in totaler Kontrolle noch in absoluter Freiheit existieren. Er braucht den Riss im System, die Störung – sei es ein Aufstand gegen die Kolonie oder ein lächerliches Festmahl in der Wüste.


Pluribus und The Last Man on Earth sind zwei Seiten derselben Medaille. Die eine Serie zeigt, wie Gemeinschaft zur Fessel wird, die andere, wie ihre Abwesenheit den Menschen in den Wahnsinn treibt. Beide erinnern uns daran, dass Freiheit und Bindung kein Widerspruch sein müssen – sondern dass wahre Humanität vielleicht gerade in der Spannung zwischen beiden liegt. Oder, wie Albert Camus es formulierte: „Ich rebelliere – also sind wir.“

Flow im Ohr
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The burdens of being upright

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2 thoughts on “Pluribus

  1. @rene

    veräppelte Welt & ihre Jünger 😟

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