Der Riss im Fortschritt: Wenn der Verlust die Zukunft frisst
Es gibt Momente, in denen das sanfte Hintergrundrauschen unserer Zeit plötzlich eine schrille Dissonanz erzeugt. Wir alle spüren es, wenn wir die Nachrichten einschalten oder auch nur still am Frühstückstisch sitzen: Das Versprechen, dass „morgen“ automatisch besser sein wird als „heute“, klingt hohl. Wir sind aufgewachsen mit der Gewissheit einer stetigen Aufwärtsbewegung – mehr Freiheit, mehr Wohlstand, mehr Möglichkeiten. Doch was passiert, wenn sich diese Bewegung umkehrt?
Der Soziologe Andreas Reckwitz stellt in diesem Kontext eine Frage, die mich nicht mehr loslässt und die wie ein dunkler Schatten über unseren gesellschaftlichen Debatten liegt: „Kann der Fortschrittsanspruch der westlichen Moderne noch aufrechterhalten werden, wenn die Erfahrungen, Erinnerungen und Antizipationen von Verlusten so mächtig werden, wie wir es gegenwärtig erleben?“
Wenn ich über diesen Satz nachdenke, sehe ich Parallelen zu den „Rissen“, über die ich neulich schrieb. Jene feinen Brüche im Alltag, die plötzlich das Gewohnte in Frage stellen. Reckwitz diagnostiziert genau das auf einer makrosoziologischen Ebene. Die Moderne war lange Zeit ein Projekt der Erweiterung. Es ging um das Mehr. Doch in der Spätmoderne kippt dieses Paradigma. Wir erleben eine Zeit, in der das Weniger – der Verlust von ökologischer Stabilität, von geopolitischer Sicherheit, von sozialem Zusammenhalt – zur dominierenden emotionalen Kraft wird.
Reckwitz beschreibt, dass wir von einer Logik des Fortschritts in eine Logik der Abwendung von Negativität gerutscht sind. Wir gestalten nicht mehr mutig die Zukunft, sondern wir sind, oft panisch, damit beschäftigt, das Schlimmste zu verhindern. Hier schwingt für mich der Gedanke des Katechon mit, jenes „Aufhalters“, den ich im Zusammenhang mit politischen Theologien diskutiert habe. Wenn die Zukunft primär als Bedrohung (Klimawandel, Krieg, Demokratieverfall) wahrgenommen wird, wird Politik zur reinen Schadensbegrenzung. Der Fortschrittsglaube, einst der Motor der liberalen Demokratien, stottert, weil die Angst vor dem Verlust den Horizont verdunkelt.
Die Spätmoderne: Zwischen Hyperkultur und Regression
Reckwitz spricht von der „späten Moderne“ als einer Phase, in der die Dynamiken der Moderne sich selbst untergraben. Drei Aspekte sind hier zentral:
- Die Erschöpfung der Zukunft Die Moderne lebte lange von der Idee, dass die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart. Doch heute dominiert ein „postfuturistisches“ Gefühl (Mark Fisher): Die Zukunft erscheint nicht mehr als Verheißung, sondern als Bedrohung – sei es durch Klimakrise, digitale Überwachung oder die Ahnung, dass wir in einer „dystopischen Gegenwart“ (Byung-Chul Han) angekommen sind. Der Fortschrittsglaube wird brüchig, weil wir spüren, dass jede „Lösung“ neue Probleme schafft.
- Die Rückkehr des Verdrängten Die Moderne hat vieles abgestreift: Religion, lokale Bindungen, stabile Narrative. Doch diese Abstreifungen hinterlassen Leerstellen. Reckwitz beobachtet, wie in der „Gegenwartskultur“ (2019) mythische, religiöse und nationalistische Erzählungen wiederkehren – nicht als echte Alternativen, sondern als kompensatorische Angebote für die, die sich in der entfesselten Moderne verloren fühlen. Der Aufstieg von Figuren wie Alexander Dugin (mit seiner katechontischen Russland-Ideologie) oder die Sehnsucht nach „starken Männern“ sind Symptome dieser Regression.
- Die Singularisierung und ihre Kehrseite Reckwitz’ Begriff der „Singularitäten“ beschreibt, wie die Moderne alles – Menschen, Orte, Objekte – als einzigartig und unvergleichlich inszeniert. Doch diese Einzigartigkeit hat einen Preis: Sie erzeugt soziale Atomisierung und eine Krise der Gemeinsamkeit. Wenn alles singular ist, gibt es keine geteilten Erzählungen mehr – nur noch konkurrierende Identitäten, die um Anerkennung kämpfen (vgl. „Thymokratie“).
Interessant ist hier der Querverweis zu Hartmut Rosa. Während Reckwitz die soziologische Struktur des Verlusts analysiert, liefert Rosa die phänomenologische Begründung für unser Unbehagen. Rosa spricht von der „dynamischen Stabilisierung“: Unsere Gesellschaft kann ihren Status quo nur erhalten, indem sie wächst, beschleunigt und innoviert. Wir müssen rennen, nur um auf der Stelle zu bleiben. Wenn nun aber dieses Rennen nicht mehr zu einem Gewinn führt, sondern nur noch dazu dient, Verluste (gerade so) abzuwehren, entsteht eine tiefe Erschöpfung. Rosa würde sagen: Die Welt verstummt. Sie tritt uns nicht mehr als Resonanzraum entgegen, in dem wir uns wirksam fühlen, sondern als eine Lawine von Problemen, die wir bewältigen müssen.
Diese kollektive Erschöpfung erinnert mich an die Wirkung der Philosophie von Byung-Chul Han. Es ist eine Müdigkeit, die aus dem permanenten Zwang zur Positivität und Leistung resultiert, während die Realität brüchig wird. In meinem Beitrag über traurige Musik ging es darum, dass Trauer und Melancholie eine Würde besitzen, weil sie ein Innehalten ermöglichen. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Reckwitz’ Diagnose nicht in Fatalismus enden muss, sondern in einer neuen Form der Ehrlichkeit.
Wenn der Fortschrittsanspruch, wie wir ihn kannten – als lineares „Höher, Schneller, Weiter“ – nicht mehr haltbar ist, was bleibt dann? Reckwitz deutet an, dass wir lernen müssen, den Verlust nicht als Betriebsunfall, sondern als Teil der Realität zu integrieren. Das ist schmerzhaft. Es widerspricht dem libertären Freiheitsbegriff, der Freiheit oft als die Abwesenheit von Grenzen und die Maximierung von Möglichkeiten definiert. Die neue Freiheit könnte paradoxerweise darin bestehen, die Begrenzung zu akzeptieren und innerhalb dieser Grenzen Resonanz zu finden, statt Expansion.
Wir sehen in der aktuellen politischen Landschaft, wie gefährlich es ist, wenn dieser Verlustschmerz nicht bearbeitet, sondern instrumentalisiert wird. Rechte Bewegungen nutzen die „Antizipation von Verlusten“, um eine rückwärtsgewandte Utopie zu bauen – eine aggressive Nostalgie, die vorgaukelt, man könne die Komplexität der Welt einfach aussperren. Das ist der Versuch, den Verlust durch Härte zu kompensieren.
Aber es gibt einen anderen Weg. Er erfordert, dass wir die Verletzlichkeit unserer Zivilisation anerkennen. Es ist, als müssten wir kollektiv lernen, ein Stück in Moll zu hören, ohne sofort nach der Auflösung in Dur zu verlangen. Wenn wir anerkennen, dass der Verlust real ist – der Verlust an Sicherheit, an Planbarkeit, vielleicht an Wohlstand –, dann können wir aufhören, so zu tun, als wäre alles nur eine kurze Störung im Betriebsablauf der Moderne.
Hartmut Rosa spricht davon, dass Resonanz dort entsteht, wo wir uns vom Anderen (oder der Welt) berühren lassen und darauf antworten. Vielleicht liegt die Antwort auf Reckwitz’ Frage darin, den Fortschrittsbegriff neu zu definieren: Nicht mehr als die quantitative Mehrung von Gütern und Optionen, sondern als die qualitative Fähigkeit, in einer Welt voller Verluste trotzdem beziehungsfähig zu bleiben.
Das ist keine triumphale Vision. Es ist keine Ideologie, die auf Wahlplakaten glänzt. Es ist eher eine leise, tastende Haltung. Aber sie ist ehrlicher. Wenn wir akzeptieren, dass die Risse in unserer Welt nicht mehr einfach zugekittet werden können, müssen wir lernen, mit ihnen zu leben. Nicht in Resignation, sondern in einer Art tätiger Melancholie, die bewahrt, was schützenswert ist, und sich von der Illusion verabschiedet, dass wir alles unter Kontrolle haben. Darin läge, so glaube ich, ein erwachsenerer Begriff von Freiheit.
