Wollen wir einmal über Angst sprechen? Ich meine jetzt nicht so eine „normale“ Angst vor eine Prüfung oder so, ich meine Angst als Störung. Wenn das System Angst, eines das wir benötigen um zu funktionieren und nicht etwas dummes zu machen wie mit dem Auto gegen die Wand fahren, außer Kontrolle gerät und wir sie nicht mehr im Zaum halten können.
Ich hatte letztes Jahr zwei Herzinfarkte und eine 4-fache Bypass-OP, darüber habe ich in mehreren Teilen auf meinem Blog geschrieben(1, 2, 3, 4, 5), mit starken Folgen für meine Psyche. Diese Ereignisse, unter anderem auch ein Herzstillstand, haben mir nachhaltig ein Sicherheitsgefühl genommen, welches wir, wenn gesund, für selbstverständlich nehmen. Wir sind in unserem Alltag und leben frei von Sorgen um die Gesundheit. Nach den Infarkten wurden viele Körpersignale zur Gefahr. Oft Auslöser für abschwellende Angst und Panikattacken. Der Kopf hatte in Sekunden gelernt die Gefahren anhand von Symptomen zu erkennen und alle Alarmsysteme zu aktivieren, selbst wenn sie so gar nicht existieren, sondern nur so interpretiert wurden. Ein fataler Mechanismus wenn eigentlich gar nichts ist, und man vor Panik nicht mehr weiß was man machen soll.
Natürlich habe ich schnell Hilfe angenommen. Ich war schon vorher großer Fan von Psychotherapie. In einer Lebenskrise ausgelöst durch Scheidung und Wandel im Leben habe ich dadurch wieder auf die richtige Spur gefunden. Dadurch wusste ich, das kann mit auch jetzt helfen. Aber so schnell geht das natürlich nicht. Was der Kopf innerhalb Sekunden an Mustern anlegen kann, wird man vielleicht nur innerhalb von Monaten oder gar Jahren erst wieder los, wenn man daran arbeitet.
So ist vieles besser geworden, aber es ist nicht weg. Immer noch schaut die Angst manchmal um die Ecke und macht einem das Leben schwer. Lässt einen in Irrationalitäten versinken und spiegelt einem eine Alternativrealität vor die sehr real wirken kann. Wie jetzt also einen Umgang damit finden? Bietet da die Philosophie vielleicht einen anderen Blickwinkel, eine bessere Perspektive?
Ja, die Philosophie bietet Blickwinkel, aber sie ist keine schnelle Medizin, und das ist wichtig zu sagen, bevor man ihre Angebote ausbreitet.
Paul Tillich hat in „Der Mut zum Sein“ (1952) eine Unterscheidung getroffen, die hier hilfreich ist. Er trennt die existenzielle von der pathologischen Angst. Existenzielle Angst gehört zum Menschsein, das Wissen um Endlichkeit, Schuld, Sinnverlust. Pathologische Angst hingegen, so Tillich, ist eine fixierte, überwältigende Form, die der Betroffene nicht aus eigener Kraft in existenzielle Angst zurückübersetzen kann. Sie verlangt zuerst Heilung, erst dann Mut. Das klingt ernüchternd und ist zugleich entlastend. Wer nach einem Herzstillstand in Panik gerät, hat nicht in der Lebenskunst versagt. Die Psychotherapie ist in dieser Lesart der philosophisch angemessene erste Schritt, die Reflexion steht daneben, nicht darüber.
Was die Reflexion dann leisten kann, zeigt die philosophische Anthropologie. Helmuth Plessner hat die berühmte Doppelformel geprägt, dass der Mensch Leib ist und Körper hat. Solange wir gesund sind, sind wir Leib. Der Atem geschieht, das Herz schlägt, wir bewohnen uns selbst unbemerkt. Nach einem Infarkt kippt dieses Verhältnis. Der Leib wird zum Körper, zu einem Objekt, das beobachtet und überwacht werden muss. Jedes Ziehen rückt in den Vordergrund, jeder unregelmäßige Puls. Was wir stillschweigend trugen, tritt uns als Gegenüber entgegen, und dieses Gegenüber hat sich einmal als unzuverlässig erwiesen. Die Angst, die daraus entsteht, ist kein Charakterfehler. Sie ist die präzise Antwort eines Systems, das sich einmal grundsätzlich verrechnet hat und nun jede Hypothese zweimal prüft.
An dieser Stelle hilft ein alter stoischer Gedanke. Epiktet schrieb im Handbüchlein der Moral, nicht die Dinge selbst beunruhigten die Menschen, sondern ihre Meinungen von den Dingen. Das bedeutet nicht, ein Gefühl wegzureden. Es bedeutet, den schmalen Spalt wahrzunehmen, der zwischen Körpersignal und Deutung liegt. In meinem Beitrag über die „Risse“ habe ich davon geschrieben, dass zwischen Impuls und Antwort ein Raum liegt. Er ist winzig, aber bewohnbar. Die therapeutische Arbeit baut genau diesen Spalt wieder auf, in dem sich entscheiden lässt, welche Deutung ein Signal bekommen darf.
Bleibt die existenzielle Schicht, die Tillich meinte. Sie lässt sich nicht wegtherapieren, weil sie keine Störung ist, sondern eine Wahrheit. Nach zwei Infarkten weiß man, was vorher nur abstrakt war. Martin Heidegger hat in „Sein und Zeit“ die Angst als jene Grundstimmung beschrieben, in der das Unheimliche des eigenen Daseins sichtbar wird. Diese Angst ist nicht Feind, sondern Zeuge. Sie bestätigt, dass man verletzlich ist und dass das Leben nicht selbstverständlich weitergeht.
Im Text über den „Verlust“ habe ich mit Reckwitz und Rosa von einer tätigen Melancholie gesprochen, einer Haltung, die bewahrt, ohne zu verdrängen. Übertragen auf die Angst hieße das, sie nicht besiegen zu wollen, sondern ihr einen Platz zu geben, an dem sie nicht mehr das ganze Haus bewohnt. Ein Gast, kein Hausherr. Das ist keine heroische Antwort. Aber vielleicht ist sie eine erwachsene.
