Ich mag den Moment der Idee und der ersten Umsetzung am liebsten, das stelle ich immer wieder fest. Mir ist oft fast egal was später daraus wird. Aber wenn das Licht eintritt und der Funken etwas anzündet, dann bin ich wo ich sein möchte. Ob es der Anfang eines Textes, eines neuen Songs, eines Trööts, einer Anwendung oder eines Videos ist, in dem Moment bin ich am glücklichsten.
Was sind also die philosophischen Ansätze, den Funken der Idee und die Motivation des Momentes zu verstehen?
Der erste, der mir dabei hilft, ist Aristoteles. In der Metaphysik unterscheidet er zwischen zwei Arten von Tätigkeit. Es gibt die kinesis, eine Bewegung, die erst an ihrem Ende vollendet ist. Wer ein Haus baut, hat das Haus eben noch nicht, solange er baut. Und es gibt die energeia, eine Tätigkeit, die in jedem Augenblick schon ganz sie selbst ist. Wer sieht, hat im selben Moment gesehen. Wer denkt, hat gedacht. Genau hier lebt offenbar das, was ich beschreibe. Der Moment der Idee ist keine Vorstufe zu einem Ergebnis, sondern an sich vollständig. Deshalb kann mir das spätere Schicksal des Textes oder der Anwendung fast gleichgültig sein. Das Eigentliche ist bereits geschehen.
Die Psychologie hat dafür einen jüngeren Begriff gefunden. Mihály Csíkszentmihályi nannte diesen Zustand des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit den Flow. Charakteristisch ist, dass das Tun zur eigenen Belohnung wird. Csíkszentmihályi sprach von autotelischen Erfahrungen, vom griechischen autos für selbst und telos für Ziel. Das Ziel liegt also in der Sache selbst, nicht außerhalb. Das Zeitgefühl verschiebt sich, das Selbstbewusstsein tritt zurück, und übrig bleibt nur die Bewegung der Idee.
Daran schließt die Motivationsforschung an. Edward Deci und Richard Ryan haben mit ihrer Selbstbestimmungstheorie zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation unterschieden. Extrinsisch handelt, wer auf Lob, Geld oder ein Ergebnis schielt. Intrinsisch handelt, wer die Tätigkeit um ihrer selbst willen sucht. Drei Bedürfnisse nähren diese innere Motivation: das Erleben von Autonomie, von Kompetenz und von Verbundenheit. Der erste Wurf einer Idee bedient alle drei auf einmal. Ich entscheide frei, ich erlebe mein eigenes Können, und ich knüpfe an etwas an, das größer ist als ich.
Bleibt die Frage nach dem Funken selbst, also danach, warum er nicht erzwingbar ist. Kant hat in der Kritik der Urteilskraft das Genie als jene Gabe beschrieben, die der Kunst die Regel gibt, ohne sie selbst angeben zu können. Das Genie weiß nicht, woher seine Einfälle kommen, und kann den Weg dorthin auch niemandem als Anleitung weiterreichen. Originalität ist seine erste Eigenschaft. Vielleicht erklärt das, warum sich der Moment so kostbar anfühlt. Er lässt sich vorbereiten, aber nicht herstellen. Man kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen er eintreten darf.
Wenn ich das zusammennehme, dann beschreibt keiner dieser Ansätze ein Versäumnis, sondern eher eine Klarheit. Dass mir der Anfang lieber ist als das Ende, ist kein Mangel an Durchhaltevermögen, sondern eine Vorliebe für die energeia, für den Flow, für das, was ohne äußeren Zweck trägt. Das Licht tritt ein, der Funken zündet, und für einen Moment ist alles schon da. Den Rest darf man dann ruhig der Welt überlassen. Sollen es doch die Anderen machen.
